Wille

Der Wille ist das geistige Strebevermögen der Person. Er ist jenes Vermögen, durch das der Mensch sich auf erkannte Güter hin bewegt, sich für oder gegen etwas entscheidet und sein Handeln bestimmt. In der thomistischen Tradition ist der Wille (voluntas) das auf das Gute gerichtete Strebensvermögen der vernünftigen Seele — er folgt der Erkenntnis, ist aber nicht durch sie determiniert (vgl. Bexten 2017, S. 202 ff.).

Wille und Freiheit

Der Wille des Menschen ist wesentlich frei. Die Ontologie erfasst dies als Freien Willen (FreierWille), der zu den notwendigen Wesenscharakteristika der Person gehört und als Urphänomen gilt. Freiheit des Willens bedeutet: Die Person ist nicht durch äußere Ursachen oder innere Triebe festgelegt, sondern vermag sich selbst zu bestimmen. Sie ist Herr ihrer selbst — der Wille macht die Person zur Erst-Ursache ihres Personverhaltens (vgl. Bexten 2017, S. 210–220).

Thomas von Aquin unterscheidet den actus elicitus voluntatis (den inneren Willensakt) vom actus imperatus (der vom Willen befohlenen äußeren Handlung). Beide zusammen bilden den actus humanus — die vollmenschliche, zurechenbare Tat.

Wille und Erkenntnis

Der Wille setzt die Vernunft voraus: Nihil volitum nisi praecognitum — nichts wird gewollt, was nicht zuvor erkannt wurde. Die Entscheidung als Willensakt setzt ein Urteil über das Gute voraus. Zugleich bleibt der Wille gegenüber dem Urteil frei — er kann sich auch gegen das als richtig Erkannte entscheiden. Darin liegt die Möglichkeit des sittlich Schlechten und die Dramatik des Menschseins.

Wille und Personverhalten

Das Personverhalten umfasst Denken, Wollen, Fühlen und Handeln. Der Wille ist dabei die Instanz, die das Handeln aus der Innerlichkeit der Person heraus initiiert. Karol Wojtyła betont: Im Willensakt erfährt sich die Person als causa sui — als jemand, der handelt, nicht bloß als jemand, dem etwas geschieht. Die geistige Erfahrung des Wollens ist irreduzibel auf neuronale Prozesse oder behavioristische Beschreibungen.

Das Herz der Person — im Sinne Hildebrands das Zentrum der tiefen affektiven Wertantworten — steht neben Verstand und Wille als eigenständige Dimension des personalen Lebens. Wille allein genügt nicht: Die tiefsten personalen Akte wie Liebe, Reue und Ehrfurcht haben ihren Sitz im Herzen.

Wille und die Dimensionen des Personseins

Der Wille gehört zur Zweiten Dimension des Personseins — der Dimension der bewussten Aktualisierung personaler Vermögen. Entscheidend ist: Auch wo der Wille nicht aktuell ausgeübt wird (im Schlaf, im Koma, im pränatalen Leben), bleibt er als Vermögen in der Ersten Dimension grundgelegt. Das voluntativ-aktualisierbare Personverhalten bezeichnet jenes Personverhalten, das willentlich aktualisiert werden kann, aber nicht aktuell ausgeübt wird. Das Personsein hängt nicht von der aktuellen Ausübung des Willens ab — wer schläft, verliert nicht seinen freien Willen.

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Siehe auch