Seele

Die Seele (anima) ist in der philosophischen Tradition das Lebensprinzip eines Lebewesens — das, was den Leib lebendig macht und zu einem einheitlichen, sich selbst organisierenden Ganzen formt. Bei der Pflanze ist es das vegetative Lebensprinzip (Wachstum, Ernährung, Fortpflanzung); beim Tier kommt die Empfindung hinzu. Beim Menschen aber ist die Seele eine Geistseele: ein geistiges Lebensprinzip, das den ganzen Leib durchformt und belebt und das über alles Tierische grundsätzlich hinausgeht.

Die menschliche Geistseele ist nicht eine “aufgepeppte” Tierseele. Sie ist kein zusätzlicher Verstand auf einer tierischen Basis, sondern ein einziges geistiges Lebensprinzip, in dem die vegetativen und sensitiven Funktionen — Wachstum, Verdauung, Empfindung, Bewegung — enthalten und aufgehoben sind, nicht als getrennte Schichten, sondern als Aspekte eines einzigen Prinzips. So wie die Eiche die Eichel nicht neben sich hat, sondern in sich aufgenommen und überschritten hat, so hat die menschliche Geistseele das Vegetative und Sensitive in sich aufgenommen und überschritten (vgl. Bexten 2017, S. 150—165).

Die Geistseele ist die Wesensform des Menschen: der zureichende Grund für seine Einheit und Identität. Ohne sie zerfällt der Körper — nicht weil ihn jemand zerstört, sondern weil nichts mehr da ist, was ihn zusammenhält. Dieses geistige Lebensprinzip ist da, sobald der Mensch da ist — also ab der Verschmelzung der Keimzellen. Es ist nicht messbar, nicht wägbar, nicht unter dem Mikroskop sichtbar. Aber es ist das Wirklichste und Tiefste am Menschen, der Grund seines Personseins. Die Leib-Seele-Einheit ist dabei keine äußerliche Zusammenfügung, sondern eine innere, untrennbare Einheit.

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.3.2, 4.6.4)

Ontologische Zuordnung: Die Geistseele ist (gemäss Ontologie) die Wesensform der menschlichen Person; sie ist Unterklasse von GeistigesLebensprinzip. Die Seele durchformt den Leib als forma corporis und konstituiert die Leib-Seele-Einheit.

Siehe auch