Personvergessenheit
Personvergessenheit ist ein von Robert Spaemann (in Anlehnung an Heideggers “Seinsvergessenheit”) geprägter Begriff für das Vergessen der Wirklichkeit der menschlichen Person. Es handelt sich nicht um ein Vergessen von Namen oder Daten, sondern um einen Verlust der Einsicht in das, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht: sein Personsein, seine Würde, seine Eigenständigkeit als Jemand.
Die Personvergessenheit tritt in zwei Formen auf: als theoretische Personvergessenheit, wenn eine philosophische oder wissenschaftliche Theorie den Menschen so beschreibt, dass sein eigentliches Wesen verkürzt oder wegerklärt wird (etwa im empirisch-funktionalistischen Personbegriff von John Locke, Derek Parfit oder Peter Singer); und als praktische Personvergessenheit, wenn im konkreten Umgang mit Menschen deren Personsein missachtet wird — überall dort, wo Menschen wie Sachen behandelt werden. Beide Formen verstärken einander: Wer falsch über den Menschen denkt, wird ihn leichter falsch behandeln (vgl. Bexten 2017, S. 218—254).
Das Besondere an der Personvergessenheit ist, dass sie ein latentes Mangelphänomen ist: Sie wirkt im Verborgenen, schleicht sich unmerklich ein und kommt leise. Sie ist ein Fehlen von etwas, das da sein sollte — vergleichbar mit Blindheit als Verlust einer Fähigkeit, die einem Wesen eigentlich zukommt. Nur eine Person kann vergessen, was eine Person ist; gerade dadurch offenbart auch die personvergessene Handlung noch etwas von dem, was vergessen wurde. Spaemann benennt als wesentlichen Grund die neuzeitliche Zweiteilung der Welt in Bewusstsein und Materie seit Descartes.
Konkrete Formen der Personvergessenheit
Die praktische Personvergessenheit zeigt sich in vielfältigen Gestalten: Krieg ist ihre radikalste Form — die organisierte Verneinung der Würde des anderen. Macht ohne Verantwortung unterwirft die Person dem eigenen Willen. Die Reduktion des Menschen auf seinen Geldwert durch Geld als einzigen Maßstab macht die Person zur Ware. Moderne Technologie — insbesondere Künstliche Intelligenz und Überwachungstechnologie — kann die Personvergessenheit in neue, subtilere Formen überführen, indem sie das Personsein simuliert oder die Innerlichkeit der Person aushöhlt (vgl. KI-Ethik).
Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist?, Kapitel 1: Einleitung
Ontologische Einordnung: Unterbegriffe: Praktische Personvergessenheit, Theoretische Personvergessenheit
Ontologische Beziehungen:
- verletzt Norm: Personalistische Norm
Siehe auch: Person, Personsein, Würde, Jemand, Personalistische Norm, Personverhalten, Erkenntnis, Einsicht, Wahrheit, Embryo, Substanz, Freiheit, Liebe, Leib-Seele-Einheit, Personales Leben, Erste Dimension, Menschliche Person, Natur, Metaphysik, Urphänomen, Agere sequitur esse, Basale Relationen, Personbegriff, Empirisch-funktionalistischer Personbegriff, Substanzontologischer Personbegriff, Demenz, Befruchtung, Selbstbewusstsein, Vernunft, Innerlichkeit, Zweite Dimension, Dritte Dimension, Wesensgesetz, Form und Stoff, Akt und Potenz, Seele, Leib, Robert Spaemann, Martin Heidegger, Rene Descartes, John Locke, Derek Parfit, Peter Singer, Thomas von Aquin, Karol Wojtyła, Kapitel 5: Personvergessenheit, Kapitel 1: Einleitung