Das materiale Apriori ist einer der folgenreichsten Begriffe in der Philosophie Max Schelers. Gegen Kant, der das Apriorische ausschließlich im Formalen suchte — in den reinen Anschauungsformen und Kategorien des Verstandes —, zeigt Scheler, dass es auch inhaltlich gefüllte, sachhaltige Einsichten gibt, die dennoch notwendig und allgemeingültig sind. Wer etwa einsieht, dass jedes Versprechen eine Verpflichtung erzeugt oder dass Liebe ihrem Wesen nach auf das Gute des Anderen gerichtet ist, der erkennt nicht bloß eine empirische Regelmäßigkeit, sondern ein Wesensgesetz — etwas, das nicht anders sein kann.
Diese Wesenseinsichten werden nicht durch Abstraktion aus Erfahrung gewonnen, sondern in der phänomenologischen Wesenserschauung erfasst. Man muss eine Sache anschauen, sich ihr zuwenden, sie gleichsam von innen her verstehen — und dann leuchtet ihr Wesen auf, mit einer Evidenz, die keiner weiteren Begründung bedarf. Das materiale Apriori ist daher das Fundament der gesamten Wertethik Schelers: Die Rangordnung der Werte, die Gesetze der Vorzugsordnung, die Struktur der Wertantwort — all das sind materiale Aprioris, keine bloß subjektiven Empfindungen und keine bloß formalen Regeln.
Die Bedeutung dieses Begriffs für die Frage nach dem Personsein ist erheblich. Denn wenn es materiale Aprioris gibt, dann lassen sich auch über das Wesen der Person sachhaltige, notwendige Aussagen treffen — nicht als Definitionen, die man willkürlich setzt, sondern als Einsichten in das, was Person ihrem Wesen nach ist. Die Münchener-Göttinger Schule der Phänomenologie hat diesen Ansatz in vielfältiger Weise fruchtbar gemacht.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 139—155 (Schelers Wertethik und materiales Apriori).
Weitere Quellen:
- Scheler, Max (1913/16): Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Halle: Niemeyer. — Krit. Ausg.: Gesammelte Werke, Bd. 2. Bern: Francke, 1954.
- Hildebrand, Dietrich von (1916): „Die Idee der sittlichen Handlung”. Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung III, S. 126—251.