Wirklichkeit (actus, griech. energeia) ist das Gegenstück zur Möglichkeit (Potenz). Ein Seiendes ist wirklich, insofern es ist — nicht bloß sein könnte. Die Unterscheidung von Wirklichkeit und Möglichkeit gehört zu den grundlegendsten Einsichten der Philosophie und geht auf Aristoteles zurück.

Für die Frage nach dem Personsein ist der Begriff der Wirklichkeit von zentraler Bedeutung. Der Mensch ist nicht bloß der Möglichkeit nach Person — er ist es wirklich, von Anfang an. Sein Personsein ist keine bloße Anlage, die erst durch bestimmte Fähigkeiten verwirklicht werden müsste, sondern eine gegebene Wirklichkeitsform: das grundlegende geistige Dasein der Ersten Dimension.

Thomas von Aquin versteht den actus essendi — den Seinsakt — als die innerste Wirklichkeit eines jeden Seienden. Was ein Ding ist, wird durch seine Form bestimmt; dass es ist, durch seinen Seinsakt. Bei der Person ist dieser Seinsakt ein geistiger: Die Person existiert als geistige Substanz, deren Wirklichkeit nicht auf das Stoffliche reduzierbar ist.

Die Ontologie unterscheidet zwei Stufen der Wirklichkeit. Die Erste Wirklichkeit (prote energeia) ist die Substanz als solche: die Person in ihrem grundlegenden Sein, das die Möglichkeit zu einer Vielzahl weiterer Aktualisierungen in sich birgt. Die Person ist prote energeia. Sie ist nicht Resultat einer Veränderung, sondern einer Entstehung (Spaemann/Aristoteles). Die Zweite Wirklichkeit (deutera energeia) ist die Ausübung von Tätigkeiten und Vermögen, die in der Ersten Wirklichkeit angelegt sind: aktuelles Denken, Wollen, Lieben.

Die Grundwirklichkeitsform der menschlichen Person — das geistige Substanzsein im Leib (Conrad-Martius: hypokeimenales pneumatisches Sein) — entfaltet sich in drei Dimensionen. Die Erste Dimension ist das noch nicht bewusste Personsein (z.B. Zygote, Embryo). Die Zweite Dimension ist das rational-affektiv bewusste und willentlich freie Sein. Die Dritte Dimension ist die sittliche Vervollkommnung durch Erkenntnis, Tugend und Liebe (vgl. Bexten 2017, S. 137—200).

Kapitelzuordnung: 4.6 Wirklichkeit und Möglichkeit

Bewegung

Die Bewegung (κίνησις / motus) ist die Verwirklichung des der Möglichkeit nach Seienden, insofern es der Möglichkeit nach ist (vgl. Aristoteles, Phys. III 1). Sie ist der Oberbegriff für alle Arten der Veränderung: Ortsbewegung, qualitative Veränderung (ἀλλοίωσις), Wachstum (αὔξησις) und substantiale Veränderung (γένεσις / φθορά).

Im Kontext der Personsein-Ontologie ist die Bewegung als Unterklasse des Prozesses von Bedeutung. Die menschliche Person entwickelt sich leiblich, vom Embryo zum Erwachsenen, und durchläuft dabei verschiedene Lebensphasen. Die substantiale Veränderung betrifft bei der Person die Empfängnis (Entstehung) und den Tod (Vergehen der leiblichen Existenz).

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Prozess; Unterbegriffe: Ortsbewegung, Qualitative Veränderung, Wachstum, Substantiale Veränderung

Entwicklungsprozess

Ein Entwicklungsprozess ist ein Prozess der Aktualisierung von Potenzen, insbesondere der Übergang zwischen den Dimensionen des Personseins. Die menschliche Person entwickelt sich: vom Embryo über die Kindheit zum Erwachsenen, von der Ersten über die Zweite zur Dritten Dimension.

Diese Entwicklung betrifft jedoch nur die deutera energeia, die Entfaltung der Tätigkeitsakte. Sie betrifft nicht die prote energeia, den Seinsakt. Die Person wird durch den Entwicklungsprozess nicht “mehr Person”. Sie aktualisiert, was in ihr als aktive Potenz angelegt ist. Der Dimensionsübergang und das Bewusstseinserwachen sind die wichtigsten Entwicklungsprozesse der Personsein-Ontologie.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Prozess; Unterbegriffe: Dimensionsübergang, Bewusstseinserwachen

Prozess

Ein Prozess ist ein zeitlich erstrecktes Vorkommnis, das sich in Phasen entfaltet. Prozesse haben temporale Teile. Substanzen dagegen sind als Ganze in jedem Augenblick ihrer Existenz anwesend (Endurantismus). Beispiele für Prozesse sind: biologische Entwicklung, Aktualisierung einer Potenz, personale Begegnung.

Die Personsein-Ontologie unterscheidet verschiedene Arten von Prozessen. Ereignisse sind zeitlich begrenzt und abgeschlossen (z.B. Empfängnis, Tod). Zustände sind zeitlich erstreckt und homogen (z.B. Schlaf). Hinzu kommen Entwicklungsprozesse (Aktualisierung von Potenzen) und biologische Prozesse. Die Bewegung (κίνησις) im aristotelischen Sinne ist ebenfalls eine Unterklasse des Prozesses.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seiendes; Unterbegriffe: Ereignis, Zustand, Entwicklungsprozess, Biologischer Prozess, Bewegung

Qualitative Veränderung

Qualitative Veränderung (gr. ἀλλοίωσις, lat. alteratio) bezeichnet die Veränderung der Beschaffenheit eines Seienden, ohne dass die Substanz selbst sich ändert. Sie ist eine der vier aristotelisch-thomistischen Bewegungsarten und betrifft die akzidentellen Eigenschaften eines Seienden.

Für die Person bedeutet qualitative Veränderung, dass sich ihre Beschaffenheiten wandeln können — etwa im Erlernen neuer Fähigkeiten, in der Reifung des Charakters oder in körperlicher Erkrankung —, während sie als dieselbe Substanz fortbesteht. Diese Unterscheidung ist für die personalistische Ontologie zentral: Die Person bleibt durch alle qualitativen Veränderungen hindurch derselbe Jemand mit derselben Würde. Die qualitative Veränderung unterscheidet sich wesentlich von der substantialen Veränderung, bei der eine Substanz entsteht oder vergeht.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Bewegung

Ontologische Beziehungen:

  • verändert: Akzidentelle Eigenschaften
  • bewahrt: Substanz

Substantiale Veränderung

Substantiale Veränderung (gr. γένεσις / φθορά, lat. generatio / corruptio) bezeichnet die Entstehung oder das Vergehen einer Substanz. Im Unterschied zur qualitativen Veränderung, die nur akzidentelle Eigenschaften betrifft, und zum Wachstum, das die Quantität verändert, geht es hier um das Sein oder Nichtsein der Substanz selbst.

Für die Person sind die beiden entscheidenden substantialen Veränderungen die Empfängnis und der Tod: Bei der Empfängnis entsteht eine neue personale Substanz mit vollem Personsein und voller Würde; beim Tod vergeht die leiblich-seelische Einheit. Die substantiale Veränderung zeigt die Kontingenz der Person als geschaffenes Seiendes: Sie hat einen Anfang und — in ihrer leiblichen Existenz — ein Ende. Gerade darin unterscheidet sie sich vom Absoluten Sein, das keiner Veränderung unterliegt.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Bewegung

Ontologische Beziehungen:

Wachstum

Wachstum (gr. αὔξησις, lat. augmentatio) bezeichnet die quantitative Zunahme eines Seienden. Im Kontext der Person meint es das leibliche Wachstum vom Embryo zum Erwachsenen. Es ist eine der vier aristotelisch-thomistischen Bewegungsarten und betrifft die Quantität, nicht die Substanz oder die Qualität des Seienden.

Das leibliche Wachstum der Person gehört zur Ersten Dimension des Personseins und vollzieht sich als ein kontinuierlicher Prozess, in dem dieselbe personale Substanz sich entfaltet. Die Person, die als Embryo zu existieren beginnt, ist dieselbe Person, die als Erwachsener vor uns steht — ihr Personsein und ihre Würde ändern sich durch das Wachstum nicht. Das Wachstum zeigt vielmehr die Dynamik des personalen Lebens: Die Person ist nicht statisch, sondern entfaltet sich leiblich in der Zeit.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Bewegung

Ontologische Beziehungen:

Zustand

Ein Zustand ist ein zeitlich erstreckter, homogener Prozess ohne innere Veränderung während seiner Dauer. Beispiele sind Schlaf, Bewusstlosigkeit oder der Zustand der Ersten Dimension. Der Zustand findet während eines Zeitraums statt und kann durch ein Ereignis beendet oder eingeleitet werden.

Für die personalistische Ontologie ist die Kategorie des Zustands bedeutsam, weil sie zeigt, dass das Personsein auch in Zuständen verminderter Aktualisierung — wie Schlaf, Bewusstlosigkeit oder Demenz — ungeschmälert fortbesteht. Die Würde der Person hängt nicht davon ab, in welchem Zustand sie sich befindet, sondern gründet in ihrem Personsein selbst. Die sittliche Vollkommenheit und die Gefangenschaft sind ebenfalls als Zustände modelliert, was die Bandbreite dieser Kategorie — vom Höchsten bis zum Bedrückendsten — verdeutlicht.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Prozess

Unterklassen: Sittliche Vollkommenheit, Gefangenschaft

Ontologische Beziehungen:

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 162–168 (Wirklichkeit und Akt).

Weitere Quellen:

  • Aristoteles: Metaphysik, IX (Theta), 1–10 (Wirklichkeit und Möglichkeit: energeia und dynamis)
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae, I, q. 3, a. 4 (Actus essendi als innerste Wirklichkeit des Seienden)
  • Conrad-Martius, Hedwig (1957): Das Sein. München: Kösel. (Hypokeimenales pneumatisches Sein)
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta. (Person als Ergebnis einer Entstehung, nicht einer Veränderung)

Ontologische Einordnung:

Siehe auch: