Cicely Saunders hat zwischen 1958 und 1967 am St Joseph’s Hospice und ab 1967 am St Christopher’s Hospice (London) ein Konzept entwickelt, das die moderne Palliativmedizin und Hospizarbeit begründet hat: Total Pain — das umfassende Leiden im Sterben.
Das Leiden eines sterbenden Menschen ist nach Saunders kein Aggregat einzelner Schmerzformen. Es ist ein unteilbares Ganzes mit vier ineinander wirkenden Dimensionen:
Die vier Dimensionen
Physische Dimension — somatischer Schmerz: Tumor-, Nerven-, Knochen-, Wund- und Behandlungsschmerz. Standardziel der pharmakologischen Schmerztherapie.
Psychische Dimension — Angst, Depression, Verzweiflung, Wut, Verlust der Hoffnung. Wird durch unbehandelten physischen Schmerz verstärkt und verstärkt diesen umgekehrt.
Soziale Dimension — Sorge um die Hinterbliebenen, ungelöste Konflikte, Einsamkeit, Verlust der Rolle in Familie und Gemeinschaft, finanzielle Sorgen. Bezeugt die personale Eingebundenheit der Person auch im Sterben.
Spirituelle Dimension — Sinnkrisen, Glaubenszweifel, Schuldgefühle, Frage nach dem Wert des gelebten Lebens, Frage nach dem, was nach dem Tod ist. Wer nur die anderen drei Dimensionen behandelt und die spirituelle übergeht, behandelt die Person nicht ganz.
Strukturparallele zur Personontologie
Die vier Dimensionen des Total Pain stehen in einer auffälligen Strukturparallele zur Anthropologie des Buches: Die Person ist als leiblich-geistige Einheit kein Aggregat von Schmerztypen, sondern ein Leidender, dessen Leiden personale Tiefe hat.
Der somatische Schmerz ist nicht „der eigentliche” Schmerz, an den dann sekundär noch psychische, soziale und spirituelle Aspekte anhängen. Vielmehr greift jede Dimension in alle anderen ein. Hoffnungsverlust kann eine spirituelle, existenzielle und psychische Dimension haben, die die physische Schmerzintensität verstärkt; physischer Schmerz kann sozialen und psychischen Schmerz aus einem empfundenen Verlassensein verschärfen.
Konsequenz für die Praxis
Aus dem Total-Pain-Konzept folgt eine zentrale praktische Forderung: Kein einzelner Beruf und keine einzelne Disziplin kann Total Pain allein behandeln. Interdisziplinäre Teams — Ärztin, Pflegekraft, Sozialarbeiter, Seelsorger, Psychologe — sind die institutionelle Antwort auf die Vierdimensionalität des Leidens.
Die Hospizbewegung ist die strukturelle Verkörperung dieser Forderung. Sie ist die Antwort auf eine Medizin, die die Person in ihre einzelnen Dimensionen zerlegt und nur die somatische Dimension behandelt.
Gegenmodell: somatische Verkürzung
Wer im Sterben nur die physische Dimension behandelt, vertritt — bewusst oder unbewusst — eine somatische Verkürzung der Person. Das ist eine Form der praktischen Personvergessenheit: die Person wird auf ihren Körper reduziert, ihr personales Leiden wird übersehen.
Die Euthanasie-Befürwortung folgt häufig einer ähnlichen Logik: Weil das somatische Leiden „nicht mehr behandelbar” sei, sei der Tod die einzige Antwort. Total Pain zeigt: Die Frage ist falsch gestellt. Behandelbar ist immer das Total Pain — und es ist behandelbar.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Sachverhalt (umfassendes Leiden im Sterben)
Vier Subdimensionen: physisch, psychisch, sozial, spirituell — alle wirken aufeinander ein.
Ontologische Beziehungen:
- begründet die Praxis: Hospiz, Palliative Pflege
- Strukturparallele zu: leiblich-geistige Einheit der Person, drei Dimensionen des Personseins
- argumentatives Gegenmodell zur: Euthanasie (somatische Verkürzung)
- gilt in jeder Phase: präfinal, terminal, sterbend
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 5: Personvergessenheit
Saunders’ Devise
„You matter because you are you, and you matter to the end of your life.” — Cicely Saunders
Personalontologisch übersetzt: Das Personsein ist unverlierbar; die Würde der Person dauert bis zum letzten Atemzug. Total-Pain-Behandlung ist die praktische Konsequenz dieses Satzes.
Quellenangaben
Primärquellen Cicely Saunders
- Saunders, Cicely (1958): Dying of cancer. St Thomas’s Hospital Gazette 56(2): 37—47. Frühe Schilderung der mehrdimensionalen Schmerzwirklichkeit.
- Saunders, Cicely (1959): The need for institutional care for the patient with advanced cancer. In: Anniversary Volume, Madras: Cancer Institute, S. 1—8.
- Saunders, Cicely (1964): The symptomatic treatment of incurable malignant disease. Prescribers’ Journal 4(4): 68—73. Erste systematische Darstellung der vier Schmerzdimensionen.
- Saunders, Cicely (1967): The management of terminal illness. London: Hospital Medicine Publications. Konzept für die Praxis am St Christopher’s Hospice.
Sekundärliteratur und historische Einordnung
- Clark, David (1999): „Total pain”, disciplinary power and the body in the work of Cicely Saunders, 1958—1967. Social Science & Medicine 49(6): 727—736. Historische und theoretische Rekonstruktion der Begriffsentwicklung.
- Mehta, Anita; Chan, Lisa S. (2008): Understanding of the concept of „total pain”: A prerequisite for pain control. Journal of Hospice and Palliative Nursing 10(1): 26—32.
- Wood, Joe (2022): Cicely Saunders, „Total Pain” and emotional evidence at the end of life. Medical Humanities 48(4): 411—420.
Anwendungen und Aktualisierung
- *Embracing Cicely Saunders’s concept of total pain (Editorial). British Medical Journal. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1200625/
- *Palliative Care Network of Wisconsin — Fast Fact #417: Total Pain. https://www.mypcnow.org/fast-fact/total-pain/
- Vumc Palliative Medicine Fast Facts: Fast Facts and Concepts #417 Total Pain (PDF). https://medicine.vumc.org/sites/default/files/2025-11/11-25—ff-417-total-pain-2025-11-04-104126.pdf
Personontologische Bezüge
- Bexten, Raphael E. (2017): Was ist menschliches Personsein?. Eichstätt-Ingolstadt, Diss. — Zur leiblich-geistigen Einheit der Person und zur Differenzierung von Erster, Zweiter und Dritter Dimension.
Siehe auch
- Cicely Saunders
- Hospiz
- Sterbephasen
- Sterben
- Trauer-Modelle
- Trauer
- Palliative Pflege
- Personsein
- Personalistische Norm
- Euthanasie
- Personvergessenheit
- Johannes Paul II.
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.