Dialektisches Denken bezeichnet eine Denkform, die den Widerspruch nicht als Zeichen des Irrtums, sondern als Motor der Wirklichkeit und des Denkens begreift. In der Tradition von Hegel wird das Prinzip der Identität (A = A) und das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs (nicht: A und nicht-A zugleich) relativiert oder aufgehoben: These und Antithese werden in einer höheren Synthese aufgehoben, wobei der Widerspruch nicht beseitigt, sondern als Moment bewahrt wird.

Für die Frage nach dem Personsein ist diese Denkform folgenreich: Wenn das Identitätsprinzip nicht mehr gilt, kann auch die Substanz der Person nicht mehr als bleibendes, mit sich identisches Sein gedacht werden. Die Person wird zum Prozess, zum Werden, zur Geschichte — sie ist nicht, sondern wird fortwährend. Damit fällt der ontologische Grund für die unverlierbare Würde der Person: Wenn es kein bleibendes Wesen gibt, gibt es auch keinen bleibenden Träger der Würde.

Dialektisches Denken als Personvergessenheit

Die Dissertation zeigt, dass neben dem empirisch-funktionalistischen Personbegriff (Locke, Hume, Singer) ein zweiter Strang der theoretischen Personvergessenheit existiert: die dialektische Auflösung des Identitätsprinzips. Während der empirisch-funktionalistische Strang das Personsein an aktuale Fähigkeiten bindet und dadurch verkürzt, löst der dialektische Strang das Personsein als bleibendes Sein überhaupt auf.

Alma von Stockhausen hat die geistesgeschichtliche Linie dieser Auflösung nachgezeichnet: Von Luthers Trennung von Vernunft und Glaube über Kants Begrenzung der Vernunft auf Erscheinungen bis zu Hegels Aufhebung des Identitätsprinzips und Rahners theologischer Übernahme der Hegelschen Dialektik. In jedem Schritt wird die Fähigkeit des Denkens, das Sein der Dinge — und damit das Sein der Person — zu erkennen, weiter eingeschränkt oder umgedeutet.

Konsequenzen für den Personbegriff

Wer das Identitätsprinzip aufgibt, kann das agere sequitur esse nicht mehr denken: Denn wenn das Sein der Person kein identisches Sein ist, sondern dialektischer Prozess, gibt es kein bleibendes esse, dem das agere folgen könnte. Die erste Dimension des Personseins — das grundlegende geistige Dasein — setzt aber genau diese Identität voraus: Ein und dieselbe Person ist von der Empfängnis bis zum Tod.

Das dialektische Denken führt konsequent zum Anti-Essentialismus: zur Leugnung unveränderlicher Wesensformen. Wenn es kein bleibendes Wesen gibt, wird die Natur des Menschen verfügbar — sie kann umgedeutet, umgestaltet oder verneint werden. Dies öffnet die Tür zum Transhumanismus und zur technischen Selbstüberwindung des Menschen.

Thomistische Kritik

Die thomistische Tradition hält dem entgegen: Das Identitätsprinzip ist kein Denkgesetz, das man annehmen oder ablehnen kann, sondern die erste Bedingung allen Denkens überhaupt. Wer es bestreitet, setzt es im Akt des Bestreitens bereits voraus — eine Form des performativen Widerspruchs. Thomas von Aquin formuliert: Das ens und das verum sind austauschbar (ens et verum convertuntur) — das Sein ist von sich aus erkennbar, und das Erkennen erreicht das Sein.

Die Substanzontologie setzt das Identitätsprinzip voraus: Die Substanz ist das, was durch sich selbst und als es selbst besteht. Ohne Identitätsprinzip gibt es keine Substanz, ohne Substanz keine Person im substanzontologischen Sinne, ohne Person keine unverlierbare Würde.

Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit, Kapitel 2: Methode

Ontologische Einordnung: Unterklasse von: Theoretische Personvergessenheit. Führt zu: Anti-Essentialismus. Widerspricht: Substanzontologie, Identitätsprinzip.

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 218–254 (Theoretische Personvergessenheit).

Weitere Quellen:

  • Stockhausen, Alma von (1990): Der Geist im Widerspruch — Von Luther zu Hegel. Weilheim-Bierbronnen: Gustav-Siewerth-Akademie.
  • Possenti, Vittorio (2013): Il nuovo principio persona. Rom: Armando.
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.

Siehe auch