Alvin Plantinga ist ein amerikanischer Philosoph, der als einer der bedeutendsten Religionsphilosophen der Gegenwart gilt. Er lehrte an der University of Notre Dame (1982–2010) als John A. O’Brien Professor of Philosophy und erhielt 2017 den Templeton-Preis. Sein Beitrag zum Buch liegt in der analytisch präzisen Kritik am Naturalismus und in der Verteidigung der Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft.
Schlüsselbeitrag: Evolutionary Argument Against Naturalism
Plantingas berühmtestes Argument — das Evolutionary Argument Against Naturalism (EAAN) — zeigt, dass der ontologische Naturalismus sich selbst aufhebt:
- Wenn Naturalismus und Evolution wahr sind, wurden unsere kognitiven Fähigkeiten durch natürliche Selektion geformt.
- Natürliche Selektion selektiert nach adaptivem Verhalten, nicht nach wahren Überzeugungen. Falsche Überzeugungen können ebenso gut zu adaptivem Verhalten führen.
- Unter naturalistischen Voraussetzungen gibt es daher keinen Grund anzunehmen, dass unsere kognitiven Fähigkeiten zuverlässig wahre Überzeugungen produzieren.
- Wer aber an der Zuverlässigkeit seiner eigenen Vernunft zweifelt, untergräbt jede seiner Überzeugungen — einschließlich des Naturalismus selbst.
- Daher ist der Naturalismus selbstaufhebend: Er untergräbt die Grundlage, auf der er selbst behauptet wird.
Dieses Argument stützt direkt die These der Personalontologie, dass die Wahrheitsfähigkeit der Person kein Nebenprodukt blinder Evolution ist, sondern in der Natur der Person als geistigem Wesen gründet. Nur wenn die Vernunft auf Wahrheit hin angelegt ist — nicht bloß auf Überleben —, kann sie das Sein der Dinge erkennen.
Kritik am methodologischen Naturalismus
In Where the Conflict Really Lies (2011) argumentiert Plantinga, dass der methodologische Naturalismus — die Forderung, Wissenschaft dürfe nur natürliche Ursachen zulassen — keine notwendige Bedingung für Wissenschaft ist, sondern eine philosophische Vorentscheidung. Newton, Kepler und Boyle betrieben Wissenschaft explizit im Rahmen theistischer Überzeugungen. Wird der methodologische Naturalismus verabsolutiert, führt er leicht zum Szientismus: dem Fehlschluss, aus „Wissenschaft findet keine übernatürlichen Ursachen” zu schließen, es gebe keine.
Plantingas Kernthese: Der wahre Konflikt besteht zwischen Naturalismus und Wissenschaft, nicht zwischen Theismus und Wissenschaft. Die Voraussetzungen der Wissenschaft — Ordnung der Natur, Zuverlässigkeit der Vernunft, Verständlichkeit der Welt — werden durch den Theismus besser begründet als durch den Naturalismus.
Warrant und Proper Function
In seiner Warrant-Trilogie (Warrant: The Current Debate, 1993; Warrant and Proper Function, 1993; Warranted Christian Belief, 2000) entwickelt Plantinga eine Erkenntnistheorie, die auf dem Begriff der proper function (ordnungsgemäßen Funktion) beruht: Eine Überzeugung hat epistemische Gewährleistung (warrant), wenn sie durch kognitive Fähigkeiten gebildet wurde, die ordnungsgemäß funktionieren, in einer Umgebung, für die sie vorgesehen sind, gemäß einem auf Wahrheit ausgerichteten Gestaltungsplan.
Dieser Ansatz setzt voraus, dass die kognitiven Fähigkeiten des Menschen auf Wahrheit hin entworfen sind — eine These, die unter naturalistischen Voraussetzungen nicht begründbar ist (EAAN), unter theistischen dagegen natürlich folgt.
Personbegriff
Plantinga vertritt einen Substanzdualismus: Die Person ist eine immaterielle Substanz, die mit dem Körper verbunden, aber nicht identisch ist. In „Against Materialism” (2006) argumentiert er, dass materialistische Theorien des Geistes mit der Einheit des Bewusstseins und der mentalen Verursachung nicht zurechtkommen.
Dieser Substanzdualismus ist mit dem substanzontologischen Personbegriff des Buches kompatibel, unterscheidet sich aber in der Methode: Plantinga argumentiert analytisch-modal (ich könnte ohne meinen Körper existieren, also bin ich nicht identisch mit ihm), während die thomistische Tradition die Person als Leib-Seele-Einheit im Sinne des Hylemorphismus versteht.
Stellung im Buch
Plantingas EAAN bildet ein analytisches Komplement zur ontologischen Naturalismus-Kritik von Spaemann und Seifert. Während Spaemann ontologisch argumentiert (Personen sind Substanzen, nicht Funktionsbündel) und Planck aus der Naturwissenschaft heraus den Positivismus kritisiert, zeigt Plantinga auf epistemischer Ebene: Der Naturalismus untergräbt die Bedingung der Möglichkeit aller Erkenntnis — und damit auch seiner selbst.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 218–254 (Theoretische Personvergessenheit und Naturalismus).
Weitere Quellen:
- Plantinga, Alvin (2011): Where the Conflict Really Lies: Science, Religion, and Naturalism. New York: Oxford University Press.
- Plantinga, Alvin (1993): Warrant and Proper Function. New York: Oxford University Press.
- Plantinga, Alvin (2000): Warranted Christian Belief. New York: Oxford University Press.
- Plantinga, Alvin (2006): „Against Materialism”. In: Faith and Philosophy 23, S. 3–32.
- Beilby, James K. (Hrsg.) (2002): Naturalism Defeated? Essays on Plantinga’s Evolutionary Argument Against Naturalism. Ithaca, NY: Cornell University Press.