Wie alles begann
Vor vielen Jahren bin ich auf ein Wort gestoßen, das mich seither nicht mehr losgelassen hat: Personvergessenheit — ein Begriff, den der Philosoph Robert Spaemann geprägt hat. Er beschreibt etwas, das still und fast unbemerkt geschieht. Wir vergessen, wer der Mensch ist. Nicht absichtlich, nicht bösartig — einfach so. Stück für Stück. Wir reden über den Menschen in der Sprache der Biologie, der Ökonomie, der Psychologie, und übersehen dabei das Wesentliche: dass jeder Mensch ein Jemand ist, nicht ein Etwas. Dass er nicht nur aus Zellen besteht, nicht nur eine Funktion im Wirtschaftskreislauf erfüllt, nicht nur ein Bündel von Reizen und Reaktionen ist.
Diese Beobachtung hat mich als junger Student zutiefst berührt. Denn gleichzeitig spürt jeder, der einem anderen Menschen wirklich begegnet, dass es da etwas gibt, das sich nicht in Funktionen und Fähigkeiten auflösen lässt. Etwas Unverfügbares. Etwas, das dem Menschen eine Würde gibt, die niemand verleihen und niemand nehmen kann. Man spürt es, wenn man einem Kind in die Augen schaut. Man spürt es am Sterbebett. Man spürt es in der Liebe. Da ist jemand — und dieses Jemand-Sein ist nichts, was sich erklären oder wegerklären lässt.
Zwischen diesen beiden Polen — dem Vergessen der Person und ihrer unverlierbaren Würde — bewegt sich dieses Buch.
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