Esse naturale ist die scholastische Bezeichnung für die natürliche Seinsweise eines Dinges in der außerhalb des Geistes liegenden Wirklichkeit. Das Pferd auf der Wiese hat esse naturale: Es existiert real, mit Materie und Form, vor und unabhängig vom Erkennen. Der Gegenbegriff ist esse intentionale — die Seinsweise derselben Form im erkennenden Geist.
Thomas von Aquin führt diese Unterscheidung in Summa theologiae I, q. 78–85 und im Kommentar zu Aristoteles’ De anima ein. Sie ist der ontologische Hintergrund der scholastischen Erkenntnislehre: Erkenntnis ist möglich, weil dieselbe Form in zwei Modi sein kann — natürlich im Ding, intentional im Geist. Ohne diese Unterscheidung bliebe Erkenntnis entweder Verdoppelung (Repräsentationalismus) oder bloße Wirkung (Sensualismus).
Das esse naturale ist nicht das einzige Sein außerhalb des Geistes. Die Personsein-Ontologie unterscheidet weitere Seinsmodi: das absolute, ideale, reale und intentionale Sein nach Roman Ingarden. Esse naturale deckt sich weitgehend mit dem, was Ingarden als reales Sein analysiert: zeitlich, raum-zeitlich verortet, kausal verflochten.
Die Unterscheidung gewinnt besondere Bedeutung in der Frage nach originärer und abgeleiteter Intentionalität: Was Originäres aufnimmt, vereint esse naturale (das reale Ding) und esse intentionale (die Form im Geist) in einem einzigen Erkenntnisakt. Eine Symbolverarbeitung ohne Geist hingegen bewegt nur Marken — sie hat weder esse naturale der Sache (sie greift nicht auf das Pferd zu) noch esse intentionale (es gibt kein Aufnehmen).
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seinsmodus; Gegenbegriff: esse intentionale.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 32–37 (Seinsmodi und reales Sein).
Weitere Quellen:
- Thomas von Aquin: Summa theologiae I, qq. 78–85; Sentencia libri De anima, lib. III.
- Ingarden, Roman (1964): Der Streit um die Existenz der Welt. Tübingen: Niemeyer.
Siehe auch
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.