Das Todeskriterium ist eine normativ-medizinische Festlegung, die bestimmt, unter welchen empirisch prüfbaren Bedingungen ein Mensch als tot gilt. Es ist von der Sache, die es feststellen soll — vom Tod selbst — kategorial zu unterscheiden: Das Kriterium ist die diagnostische Schwelle, der Tod das ontologische Ereignis.
Diese Differenz ist konstitutiv für das Vorsichtsprinzip: Solange das Kriterium nur eine Annäherung an die ontologische Lage liefert, ist die Bindung der Organentnahme an das Kriterium normativ riskant.
Historische Entwicklung
Bis 1968 dominierte das kardiopulmonale Todeskriterium: irreversibler Stillstand von Herz und Atmung. Mit der Entwicklung der mechanischen Beatmung (Kopenhagen-Polioepidemie 1952) wurde die Trennung von Hirn- und Kreislauffunktion ärztlich relevant. Das Harvard Ad Hoc Committee schlug 1968 erstmals das irreversible Koma als neues Todeskriterium vor (JAMA 205, 337–340) — der historische Bruchpunkt.
Seit 1981 unterscheidet das US-amerikanische Modellgesetz Uniform Determination of Death Act (UDDA) zwischen zwei gleichberechtigten Kriterien: dem kardiopulmonalen und dem Hirntodkriterium. Die deutsche Bundesärztekammer (BÄK) folgt dem Hirntodkriterium in der 5. Fortschreibung der Hirntod-Richtlinie (2022); das Vereinigte Königreich verwendet eine spezifische Variante (Hirnstammtod, AoMRC Code of Practice 2008).
Internationale Konsensbildung
Das World Brain Death Project (Greer et al., JAMA 324, 2020, S. 1078–1097) bündelt mehr als 700 reviewte Arbeiten zu globalen Mindeststandards der neurologischen Todesfeststellung. Es ist der erste echte globale Konsens auf der diagnostischen Ebene — ohne aber die philosophische Streitfrage (integrative Funktion versus somatische Integration versus höhere-Hirn-These) zu entscheiden.
Substanzontologische Position
Aus der hier vertretenen Position ist jedes Todeskriterium fallibel: Es liefert eine medizinisch diagnostizierte Irreversibilität, nicht die ontologische Irreversibilität der Trennung von Leib und geistiger Substanz. Diese Differenz schützt die Personalistische Norm im Kontext der Organentnahme.
Ontologische Einordnung
Subklassen: Kardiopulmonales Todeskriterium, Hirntodkriterium
Verbunden mit: Tod, Permanenz, Irreversibilitäts-These, Permanenz-These, Vorsichtsprinzip, Dead Donor Rule
Quellenangaben
- Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School (1968): A Definition of Irreversible Coma. JAMA 205(6): 337–340.
- Uniform Determination of Death Act (UDDA) (1981). National Conference of Commissioners on Uniform State Laws. https://en.wikipedia.org/wiki/Uniform_Determination_of_Death_Act
- President’s Council on Bioethics (2008): Controversies in the Determination of Death: A White Paper. Washington D.C. https://sitearchives.georgetown.edu/kie-pcbe/reports/death/
- Greer, David M. et al. (2020): Determination of Brain Death/Death by Neurologic Criteria. The World Brain Death Project. JAMA 324(11): 1078–1097. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2769149
- Greer, David M. et al. (2024): New developments in guidelines for brain death/death by neurological criteria. Nature Reviews Neurology 20.
- Bundesärztekammer (2022): Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls — 5. Fortschreibung. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Medizin_und_Ethik/RichtlinieIHA_FuenfteFortschreibung.pdf
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.