Der Einwand der diachronen Identität

Der Einwand der diachronen Identität richtet sich gegen jede Theorie, die die personale Identität durch psychologische Kontinuität oder durch ein Bündel wechselnder Erlebnisse zu erklären versucht. Er lautet: Wenn das Ich nichts weiter ist als eine Abfolge miteinander verknüpfter Bewusstseinszustände, dann bleibt unerklärbar, warum wir die Person gestern, heute und morgen als dieselbe Person ansprechen — obwohl ihre Zustände sich vollständig geändert haben können.

David Hume hat die Position zugespitzt: Wenn ich in mich hineinsehe, stoße ich nur auf einzelne Eindrücke und Ideen, niemals auf ein durchgängiges Ich. Das Selbst ist nach Hume ein bundle of perceptions, ein Bündel von Wahrnehmungen. Derek Parfit hat diese Position weiterentwickelt und behauptet, personale Identität sei letztlich nicht das, was zählt — was zählt, sei die psychologische Kontinuität zwischen zeitlich aufeinanderfolgenden Person-Stadien. Identität wird zu einer Frage des Grades.

Der Einwand antwortet darauf: Ein Bündel von Erlebnissen kann nicht selbst erklären, warum es mein Bündel ist. Damit eine Abfolge von Erlebnissen überhaupt als eine diachrone Einheit in den Blick kommt, muss es bereits ein identisches Subjekt geben, dem diese Erlebnisse zugeschrieben werden. Die psychologische Kontinuität setzt die personale Identität voraus und kann sie nicht konstituieren. Wer heute sagt “ich erinnere mich an mein gestriges Ich”, macht eine Identitätsaussage, die über die bloße Ähnlichkeit zweier Erlebnis-Schichten weit hinausgeht.

Philosophisch steht hinter dem Einwand die klassische Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenz. Das Subjekt bleibt dasselbe, während seine Zustände sich ändern. Ohne ein solches substanzielles Subjekt verlöre die Rede von Veränderung ihren Sinn — denn Veränderung setzt voraus, dass etwas sich verändert, nicht bloß, dass Zustände nacheinander auftreten.

Der substanzontologische Personbegriff kann diachrone Identität erklären, weil er die Person als Substanz bestimmt — als ein einheitliches, durch die Zeit tragendes Seiendes mit rationaler Natur.

Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 103–116 (Kritik des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs, diachrone Identität).

Weitere Quellen:

  • Hume, David: A Treatise of Human Nature, Book I, Part IV, Section VI (Of Personal Identity).
  • Parfit, Derek (1984): Reasons and Persons. Oxford University Press, Teil III.
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Klett-Cotta, Kapitel 8 (Zeit).

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Einwand; richtet sich gegen: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff

Siehe auch: Identität, Substanz, Substanzontologischer Personbegriff, Empirisch-funktionalistischer Personbegriff, Ausschluss-Einwand, Performativer Widerspruch, David Hume, Derek Parfit, Robert Spaemann, Kapitel 3: Personbegriff