Das Potentialitätsargument ist die zentrale personalontologische Begründung dafür, warum dem menschlichen Embryo von der Empfängnis an volle personale Würde zukommt: nicht weil er später einmal Person sein wird, sondern weil er bereits jetzt Träger einer rationalen Natur ist, deren Vermögen sich entfalten, nicht erst erworben werden.

Der Grundgedanke

In seiner klassischen Form lautet das Argument: Der Embryo wird sich — intakte Entwicklungsbedingungen vorausgesetzt — zu einem erwachsenen, rational handelnden Menschen entwickeln. Was sich zu etwas entwickelt, muss das, wozu es sich entwickelt, in einer bestimmten Weise bereits sein; Entwicklung ist nicht Hervorbringung aus dem Nichts, sondern Entfaltung dessen, was in aktiver Potenz schon angelegt ist. Also ist der Embryo bereits jetzt eine Person und muss als solche geachtet werden.

Präzisierung durch Akt und Potenz

Die entscheidende Differenzierung verdankt sich der aristotelisch-thomasischen Lehre von Akt und Potenz, wie sie von Günther Pöltner in Anwendung auf die Embryonenethik geschärft worden ist.

Passive Potenz ist bloße Möglichkeit, durch ein Äußeres bestimmt zu werden — wie ein Stück Marmor die Möglichkeit in sich trägt, von einem Bildhauer zur Statue geformt zu werden. Die Statue ist nicht im Marmor; sie muss hinzukommen.

Aktive Potenz dagegen ist ein inneres Vermögen zur Selbstentfaltung — wie die Eichel aktiv die Potenz zur Eiche in sich trägt, nicht von außen zur Eiche gemacht wird, sondern sich unter geeigneten Bedingungen zu einer entfaltet.

Die Potentialität des Embryos ist aktive Potenz: Sie ist Selbstentfaltung einer bereits vorhandenen Substanz rationaler Natur — nicht die Möglichkeit, zu einer solchen erst gemacht zu werden.

Die Spaemann-Formel

Robert Spaemanns pointierte Formulierung — „Es gibt keine potentiellen Personen” — verdichtet diese Einsicht: Wer eine aktive Potenz zur Rationalität, Selbstbestimmung und Selbsttranszendenz in sich trägt, ist bereits Person. Eine „werdende Person” im Sinne einer noch-nicht-Person, die erst durch graduelle Entwicklung zur Person wird, gibt es ontologisch nicht. Es gibt nur eine Person im Werden — eine schon seiende Person, deren rationale Natur sich entfaltet.

Prote Energeia und Deutera Energeia

Die Unterscheidung von erster und zweiter Wirklichkeit (prote und deutera energeia) vertieft das Argument:

  • Die rationale Natur — das Personsein selbst — ist prote energeia, erste Wirklichkeit. Sie ist von der Empfängnis an vollständig vorhanden.
  • Die aktuale Ausübung rationaler Fähigkeiten (Sprechen, Urteilen, Wählen) ist deutera energeia, zweite Wirklichkeit — die Entfaltung des bereits Wirklichen.

Was am Embryo noch aussteht, ist nicht der Erwerb der ersten Wirklichkeit, sondern die Entfaltung der zweiten. Agere sequitur esse: Die rationale Natur ist die Voraussetzung aller rationalen Akte, nicht ihr Resultat.

Abgrenzung gegen den empirisch-funktionalistischen Einwand

Kritiker des Arguments — prominent Peter Singer und John Locke — verlangen für den Personstatus die aktuale Ausübung rationaler Fähigkeiten. Das Potentialitätsargument widerlegt diesen empirisch-funktionalistischen Personbegriff auf ontologischer Ebene: Wer Personsein an aktuale Akte bindet, verwechselt Akt und Potenz; er kann die Einheit der Person durch Schlaf, Bewusstlosigkeit und Entwicklungsphasen hindurch nicht mehr erklären.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Argument

Stützt: Substanzontologischer Personbegriff, Lebensrecht des Embryos

Richtet sich gegen: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff

Voraussetzungen: Akt und Potenz, aktive Potenz, Natur als Grund

Kapitelzuordnung: Drei Dimensionen des menschlichen Personseins

Siehe auch

Quellenangaben: Pöltner, Günther (2005): Ontologische Voraussetzungen der Debatte über den Embryonenschutz. — Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen etwas und jemand. Klett-Cotta, Stuttgart.

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1987): „Sind alle Menschen Personen?“. In: Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns. Klett-Cotta 2001.
  • Pöltner, Günther (2006): Grundkurs Medizin-Ethik. Facultas, Wien.
  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae I, q. 76 a. 3; Quaestiones disputatae de anima a. 11.