Die Synthese von Thomismus und Phänomenologie ist eines der fruchtbarsten philosophischen Programme des 20. Jahrhunderts. Ihr Grundgedanke: Die phänomenologische Methode erschließt die Phänomene in ihrer Fülle und Eigenart — sie lässt die Sachen selbst sprechen. Der Thomismus, die von Thomas von Aquin begründete philosophische Tradition, liefert den ontologischen Rahmen, in dem diese Phänomene ihren systematischen Ort finden: die Lehre von Substanz und Akzidenz, von Akt und Potenz, von Form und Stoff, vom Vorrang des Seins vor dem Handeln.
Edith Stein hat dieses Programm als Erste systematisch verwirklicht: In Endliches und ewiges Sein verbindet sie Husserls Phänomenologie mit der Seinsphilosophie des Thomas. Karol Wojtyła geht in Person und Tat einen ähnlichen Weg: Er untersucht die Person phänomenologisch — im Ausgang von der Erfahrung des Handelns — und deutet die Ergebnisse thomistisch als Akte einer substantiellen Person. Josef Seifert schließlich entfaltet in seiner Personalontologie eine eigenständige Synthese, die sowohl die phänomenologische Evidenz als auch die klassische Ontologie ernst nimmt.
Was diese drei Denker verbindet, ist die Überzeugung, dass weder der reine Thomismus noch die reine Phänomenologie allein der Wirklichkeit der Person gerecht wird. Der Thomismus ohne Phänomenologie droht abstrakt zu werden — er spricht von der Person in Begriffen, die das konkrete Erleben nicht einholen. Die Phänomenologie ohne Thomismus droht die ontologische Tiefe zu verlieren — sie beschreibt, was sich zeigt, ohne zu fragen, was es ist, das sich da zeigt. Erst in der Synthese beider wird sichtbar, dass die Person ein eigenständiges geistiges Wesen ist, das sich in seinen Akten zeigt, aber nicht in ihnen aufgeht. Die Münchener-Göttinger Schule der realistischen Phänomenologie bildet den historischen Hintergrund dieses Programms.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 92—155 (phänomenologische Personalisten und ihre thomistische Grundlegung).
Weitere Quellen:
- Stein, Edith (1950/2006): Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins. Freiburg: Herder. — Krit. Ausg.: ESGA, Bd. 11/12, 2006.
- Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn. Kraków. — Dt.: Person und Tat. Übers. H. Springer. Freiburg: Herder, 1981.
- Seifert, Josef (1996): Sein und Wesen. Heidelberg: Winter (Philosophie und Realistische Phänomenologie, Bd. 3).