Die ontologische Irreversibilität ist die Irreversibilität als Modus des Wirklichen im Sinne Nicolai Hartmanns (Ethik, Berlin: de Gruyter 1926; Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938). Sie ist nicht gradierbar, nicht epistemisch, sondern konstitutiv: Was wirklich geworden ist, hat seinen Möglichkeitsraum verbraucht.
Modal-Analyse Hartmanns
Hartmanns Modalanalyse trennt scharf zwischen den Modi des Möglichen, des Wirklichen und des Notwendigen. Wirklichkeit ist gegenüber Möglichkeit asymmetrisch: Eine Möglichkeit kann verwirklicht werden, eine Wirklichkeit nicht ent-wirklicht. Der Pfeil der Modalität zeigt nur in eine Richtung.
Diese Modalanalyse ergibt für die Ontologie der Todesdefinition eine entscheidende Differenz: „Permanenz” ist ein modaler Begriff des Möglichen — „könnte wiederhergestellt werden, wird aber nicht”. „Ontologische Irreversibilität” ist eine Aussage über die Wirklichkeit selbst — „kann nicht mehr aufgehoben werden, weil sich die Substanz verändert hat”.
Aristotelische Wurzel
Die ontologische Irreversibilität hat ihre historische Wurzel im aristotelischen Begriffspaar genesis und phthora (De Generatione et Corruptione I): Werden und Vergehen sind die fundamentalsten, irreduziblen Übergänge zwischen Sein und Nichtsein, kategorial unterschieden von bloßen Zustandsänderungen (alloiosis). Ein Werden zurückzunehmen wäre nicht eine entgegengesetzte Bewegung, sondern eine andere Substanz — strukturell asymmetrisch.
Naturphilosophische Bestätigung
Ilya Prigogines Thermodynamik dissipativer Strukturen (La Nouvelle Alliance 1979; The End of Certainty 1996) bestätigt die ontologische Irreversibilität auf der Ebene der Naturphilosophie: Der Zeitpfeil ist nicht erst makroskopisch-statistische Illusion, sondern lokal in der Mikrostruktur instabiler Systeme verankert. Das Reversible (Newton-Mechanik) ist der Spezialfall, das Irreversible die Regel des Wirklichen.
Bedeutung für die Todesdefinition
Im Kontext der Todesdefinition ist die ontologische Irreversibilität die strenge Bedingung: Erst wenn die Trennung von Leib und geistiger Substanz so vollzogen ist, dass keine natürliche Kraft sie mehr aufheben kann, ist der sichere Tod eingetreten. Diese Bedingung wird durch Permanenz (Behandlungsentscheidung) und auch nicht zuverlässig durch medizinisch diagnostizierte Irreversibilität (induktiver Schluss) erreicht — sondern allein durch das ontologische Faktum selbst.
Ontologische Einordnung
Oberklasse: Irreversibilität
Schwesterbegriff: Medizinisch diagnostizierte Irreversibilität
Verbunden mit: Tod, Substanz, Vorsichtsprinzip
Quellenangaben
- Hartmann, Nicolai (1926): Ethik. Berlin: de Gruyter.
- Hartmann, Nicolai (1938): Möglichkeit und Wirklichkeit. Berlin: de Gruyter.
- Aristoteles: De Generatione et Corruptione (Buch I). https://classics.mit.edu/Aristotle/gener_corr.html
- Aristoteles: Physik IV (10–14, über Zeit). https://philocast.net/aristoteles-ueber-zeit-physik-iv-10-14
- Prigogine, Ilya; Stengers, Isabelle (1979): La Nouvelle Alliance. Métamorphose de la science. Paris: Gallimard.
- Prigogine, Ilya (1996): La fin des certitudes / The End of Certainty: Time, Chaos and the New Laws of Nature. New York: Free Press.
- Jankélévitch, Vladimir (1974): L’Irréversible et la nostalgie. Paris: Flammarion. https://editions.flammarion.com/lirreversible-et-la-nostalgie/9782081252448
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.