2.11 Was die Dinge zu dem macht, was sie sind
Wenn man genau hinschaut, erkennt man also das Wesen der Dinge. Aber was genau ist damit gemeint?
Jedes Ding hat bestimmte Eigenschaften, die es zu dem machen, was es ist. Ein Dreieck hat drei Seiten — nicht zufällig, sondern wesensnotwendig. Ein Dreieck mit vier Seiten ist kein Dreieck. Die Dreiseitigkeit gehört zum Wesen des Dreiecks. Man kann sie nicht wegnehmen, ohne das Dreieck selbst aufzuheben.
Dieses „Was-Sein“ eines Dinges — das, was ein Ding zu dem macht, was es ist — wird in der Philosophie das Sosein genannt. Das Sosein des Dreiecks ist seine Dreiseitigkeit (und alles, was damit zusammenhängt). Das Sosein des Menschen ist das, was den Menschen zum Menschen macht.
Nun gibt es verschiedene Arten von Sosein — und der Unterschied zwischen ihnen ist für unser ganzes Thema von großer Bedeutung:
2.11.1 a) Notwendiges Sosein
Manche Eigenschaften gehören so zum Wesen eines Dinges, dass sie nicht anders sein können. Ein Dreieck muss drei Seiten haben. Eine Farbe muss ausgedehnt sein. Verantwortung muss ein freies Wesen voraussetzen. Diese Eigenschaften sind notwendig. Sie sind so, wie sie sind, und können nicht anders sein. Sie gelten zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder denkbaren Welt.
Reinach hat es so formuliert: Diese notwendigen Wesenseigenschaften gelten „von den Wesenheiten als solchen, kraft ihres Wesens — in ihnen haben wir kein zufälliges So-Sein, sondern ein notwendiges So-Sein-Müssen und und dem Wesen nach Nicht-anders-sein-Können.”1
Auf solchen notwendigen Wesenseigenschaften beruhen die sogenannten Wesensgesetze: notwendige Zusammenhänge, die in der Natur der Dinge selbst gründen. Zum Beispiel: „Farbe kann nicht ohne Ausdehnung existieren.“ Oder: „Verantwortung setzt Freiheit voraus.“ Oder auch: „Bewegung ist nicht ohne Zeit möglich.“ Das sind keine Vereinbarungen und keine Ergebnisse von Experimenten. Es sind Gesetze, die sich aus dem Wesen der betreffenden Dinge ergeben. Reinach betont: „Sachverhalte bestehen, gleichgültig, welches Bewußtsein sie erfaßt und ob überhaupt ein Bewußtsein sie erfaßt.“2
2.11.2 b) Sinnvolles Sosein
Andere Eigenschaften gehören zwar zu einem Ding, haben aber ihren Grund nicht im Wesen dieses Dinges allein, sondern in seinem Wesen in Verbindung mit bestimmten Umständen. Ein Beispiel: Der menschliche Leib hat normalerweise eine bestimmte Gestalt. Diese Gestalt ist sinnvoll — sie passt zum Wesen des Menschen, sie ergibt sich aus seiner Natur. Aber sie ist nicht in dem strengen Sinn notwendig, dass sie nicht anders sein könnte. Ein Mensch, der durch einen Unfall einen Arm verliert, hört nicht auf, Mensch zu sein. Die Gestalt des Leibes gehört zum sinnvollen Sosein des Menschen, nicht zu seinem notwendigen Sosein.
2.11.3 c) Zufälliges Sosein
Wieder andere Eigenschaften sind rein zufällig. Dass ein bestimmter Stein an einem bestimmten Ort liegt, hat nichts mit dem Wesen des Steins zu tun. Es ist eine Tatsache, aber keine notwendige Wahrheit. Es gründet nicht im Wesen des Steins, sondern in äußeren Umständen. Zufällige Eigenschaften haben ihre Ursache nicht im Wesen des Dinges, sondern außerhalb von ihm.
Diese drei Arten von Sosein lassen sich klar voneinander unterscheiden. Das notwendige und das sinnvolle Sosein gründen im Wesen eines Dinges — das eine streng notwendig, das andere in Verbindung mit Umständen. Das zufällige Sosein hingegen hat keine Ursache im Wesen des Dinges.
Für die Frage „Was ist der Mensch?“ sind vor allem die notwendigen Wesenseigenschaften entscheidend. Denn nur sie sagen uns, was der Mensch seinem Wesen nach ist — nicht bloß, wie er zufällig beschaffen ist.
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