2.13 Zwei Arten von notwendigen Wahrheiten

Es lohnt sich, an dieser Stelle noch eine wichtige Unterscheidung zu machen. Nicht alle notwendigen Wahrheiten sind gleich. Es gibt zwei verschiedene Arten, und der Unterschied ist aufschlussreich.

2.13.1 a) Formale Notwendigkeiten

Manche Wahrheiten sind notwendig, aber sie sagen uns nichts Neues über die Welt. Zum Beispiel: „Ein Ganzes kann nicht ohne Teile existieren.“ Das ist wahr, und es ist notwendig wahr. Aber es folgt schon aus dem Begriff des Ganzen: Wer „Ganzes“ sagt, meint damit etwas, das aus Teilen besteht. Der Satz ist wahr, aber er bringt keinen Erkenntnisgewinn. Er erklärt nur, was wir mit einem Wort meinen. Man könnte ihn eine Begriffserklärung nennen.

Solche Wahrheiten nennt man in der Philosophie analytische Sätze. Sie sind richtig, aber sie erschließen uns keine neue Erkenntnis über die Wirklichkeit. Sie sind rein formal.

2.13.2 b) Inhaltliche Notwendigkeiten

Andere Wahrheiten sind ebenfalls notwendig, aber sie sagen uns etwas Neues über die Wirklichkeit. Zum Beispiel: „Eine Farbe kann nicht ohne etwas Ausgedehntes existieren.“ Dieser Satz folgt nicht einfach aus dem Begriff der Farbe. Im Wort „Farbe“ steckt nicht schon „Ausdehnung“. Und doch ist der Zusammenhang notwendig. Er gründet nicht in unseren Begriffen, sondern in der Natur der Farbe selbst. Wer das Wesen der Farbe genau betrachtet, erkennt: Es ist ausgeschlossen, dass eine Farbe ohne etwas Ausgedehntes existiert. Das ist keine Begriffsklärung, sondern eine echte Erkenntnis über die Wirklichkeit.

Solche Wahrheiten nennt man synthetische Sätze a priori — also Sätze, die etwas Neues über die Wirklichkeit sagen, die aber dennoch nicht aus der Erfahrung stammen, sondern a priori, das heißt aus der geistigen Einsicht in das Wesen der Dinge, erkannt werden.

Genau diese inhaltlichen Notwendigkeiten sind es, die für die Philosophie entscheidend sind. Sie sagen uns etwas Wirkliches über die Welt — aber nicht durch Messung oder Experiment, sondern durch Einsicht in das Wesen der Dinge.

Wenn wir im nächsten Kapitel fragen, was eine Person ist, dann suchen wir nach genau solchen Wahrheiten: nach Aussagen über das Wesen der Person, die notwendig wahr sind, die sich nicht aus bloßen Begriffsdefinitionen ergeben, sondern aus der aufmerksamen Betrachtung dessen, was eine Person wirklich ist.


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