🇬🇧 English version: Ontologically Uncertain Bearer of Intelligence

Ein ontologisch unklarer Intelligenzträger ist ein Wesen, dessen Status zwischen substantiellem und bloß funktionalem Träger nicht eindeutig bestimmbar ist. Die Klasse hält das Offenbleiben dieser Frage als eigene methodische Bestimmung sichtbar.

Drei Anwendungsfälle der Gegenwart:

Brain Organoids

In-vitro gezüchtete Neuronenkulturen, die elementare Lernverhalten zeigen. Kagan et al. (DishBrain, Neuron 2022) demonstrieren, dass kortikale Neuronenkulturen das Pong-Spiel lernen können. Smirnova et al. (Frontiers in Science 2023) prägten organoid intelligence (OI) als Forschungsprogramm.

Frage: Hat eine Neuronenkultur mit ca. 100.000 Neuronen substantielle Verfassung — oder ist sie nur ein funktionaler Apparat?

Fortgeschrittene Large Language Models

LLMs der Generation 2025/2026 (GPT-5, Claude Opus 4) erzeugen Texte mit scheinbarer Selbstbezugnahme, scheinbarer Wahrheitsbeanspruchung, scheinbarem Argumentieren. Das Verhalten ist ununterscheidbar von Akten eines wahrheitsfähigen Subjekts — die ontologische Verfassung ist es nicht.

Frage: Ist die Simulation eines wahrheitsfähigen Aktes selbst ein wahrheitsfähiger Akt — oder bleibt sie immer ohne den substantiellen Träger, der ihn in erster Person übernimmt?

Synthetische Embryomodelle

Stammzellbasierte Strukturen, die nicht durch Befruchtung entstanden sind, aber morphologisch und entwicklungsmäßig dem Embryo zunehmend nahe kommen (Liu 2021, Hanna 2023).

Frage: Entsteht aus einer pluripotenten Stammzellaggregation eine Substanz mit rationaler Natur — oder bleibt es eine Aggregation ohne diese Wesensform?

Methodischer Grundsatz

Bei substanzieller Unsicherheit über das Personsein eines Wesens gilt der traditionelle Grundsatz in dubio pro persona — analog zum strafrechtlichen in dubio pro reo. Bei Unsicherheit ist das Wesen so zu behandeln, als wäre Personalität möglich, bis empirisch zuverlässig anders entschieden ist.

Diese methodische Vorsicht ist nicht ein zusätzlicher Maßstab — sie ist dieselbe methodische Linie, die der substanzontologische Personbegriff gegen voreilige Ausschlüsse aus dem Personenkreis (etwa bei Singer) ins Feld führt.

Symmetrie zur Singer-Kritik

Der empirisch-funktionalistische Personbegriff wird durch den Ausschluss-Einwand kritisiert: Er entzieht Embryonen, Schwerstdementen und Komatösen den Personstatus, obwohl die ontologische Evidenz für diese Verneinung unzureichend ist.

Die Klasse Ontologisch unklarer Intelligenzträger ist die methodisch symmetrische Anwendung dieses Vorbehalts: wer einer Entität den Personstatus vorschnell zuspricht, riskiert eine Kategorienverwirrung; wer ihn vorschnell verneint, riskiert genau den Fehler, den die Personalontologie an Singer kritisiert.

Asymmetrie der Beweislast

Aus in dubio pro persona folgt: Die Beweislast liegt bei denen, die die Personalität verneinen wollen, nicht bei denen, die sie für möglich halten. Eine fälschlich bejahte Personalität führt zu Vorsicht ohne Not; eine fälschlich verneinte Personalität führt zur Negation einer realen Person. Die Schadensfunktion ist also asymmetrisch.

Ontologische Einordnung

Hinweis zur weiteren Anwendung

Die formale Anwendung dieser Bestimmung auf die genannten Fälle — Brain Organoid, fortgeschrittenes LLM, synthetisches Embryomodell, BCI-Hybrid — ist Gegenstand laufender Forschung.

Quellenangaben: Recherchestand 25. April 2026.

Weitere Quellen:

  • Kagan, Brett J. et al. (2022): In vitro neurons learn and exhibit sentience when embodied in a simulated game-world. Neuron 110(23): 3952 – 3969.e8 (07.12.2022). DOI: 10.1016/j.neuron.2022.09.001.
  • Smirnova, Lena et al. (2023): Organoid intelligence (OI): the new frontier in biocomputing and intelligence-in-a-dish. Frontiers in Science 1, Art. 1017235 (28.02.2023). DOI: 10.3389/fsci.2023.1017235.
  • Liu, Xiaodong et al. (2021): Modelling human blastocysts by reprogramming fibroblasts into iBlastoids. Nature 591: 627 – 632. DOI: 10.1038/s41586-021-03372-y.
  • Oldak, Bernardo, Hanna, Jacob H. et al. (2023): Complete human day 14 post-implantation embryo models from naive ES cells. Nature 622: 562 – 573. DOI: 10.1038/s41586-023-06604-5.
  • Tarazi, Shadi, Hanna, Jacob H. et al. (2022): Post-gastrulation synthetic embryos generated ex utero from mouse naive ESCs. Cell 185(18): 3290 – 3306. DOI: 10.1016/j.cell.2022.07.028.
  • Lovell-Badge, Robin et al. (2021): ISSCR Guidelines for Stem Cell Research and Clinical Translation: The 2021 update. Stem Cell Reports 16(6): 1398 – 1408. DOI: 10.1016/j.stemcr.2021.05.012.
  • Clark, Amander T. et al. (2021): Human embryo research, stem cell-derived embryo models and in vitro gametogenesis: Considerations leading to the revised ISSCR guidelines. Stem Cell Reports 16(6): 1416 – 1424.
  • Hyun, Insoo, Wilkerson, Amy & Johnston, Josephine (2016): Embryology policy: Revisit the 14-day rule. Nature 533: 169 – 171.
  • Lavazza, Andrea & Massimini, Marcello (2018): Cerebral organoids: ethical issues and consciousness assessment. Journal of Medical Ethics 44(9): 606 – 610.
  • Niikawa, Takuya, Hayashi, Yoshiyuki, Shepherd, Joshua & Sawai, Tsutomu (2022): Human Brain Organoids and Consciousness. Neuroethics 15: 5. DOI: 10.1007/s12152-022-09483-1.
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  • Frankfurt, Harry G. (1971): Freedom of the Will and the Concept of a Person. The Journal of Philosophy 68(1): 5 – 20.

Siehe auch