4.2 Die Methode: Auf die Sache selbst schauen

Bevor wir anfangen, ein Wort zur Methode. Philosophie ist nicht bloß Nachdenken über Gedanken. Sie ist Nachdenken über die Wirklichkeit. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn viele philosophische Debatten drehen sich nur noch um Positionen, Theorien und deren Geschichte. Man fragt: Was hat Kant gesagt? Was meint Singer? Was sagt die analytische Tradition? Und vergisst darüber die eigentliche Frage: Was ist wirklich der Fall?

In diesem Kapitel gehen wir einen anderen Weg. Wir versuchen, direkt auf die Sache zu schauen. Wenn wir fragen, was eine Person ist, dann fragen wir nicht zuerst: Was sagen die Philosophen? Sondern: Was zeigt sich, wenn wir genau hinsehen?

Diese Methode nennt man in der Fachsprache „phänomenologisch“. Das heißt einfach: Man lässt die Sache selbst zu Wort kommen, statt sie in ein vorgefasstes Schema zu pressen. Man nimmt ernst, was sich zeigt — auch wenn es nicht in das gerade modische Weltbild passt.

Das bedeutet nicht, dass wir auf die großen Denker verzichten. Im Gegenteil: Wir greifen auf Einsichten zurück, die schon Aristoteles, Thomas von Aquin, Boëthius und viele andere formuliert haben. Aber nicht, weil sie es gesagt haben, sondern weil das, was sie gesagt haben, wahr ist — und wir das nachvollziehen können.

Noch etwas ist wichtig: Manche Wahrheiten lassen sich nicht beweisen wie einen mathematischen Satz. Sie lassen sich nur aufzeigen. Man kann jemanden dorthin führen, wo die Einsicht möglich wird — aber man kann sie nicht erzwingen. Wer die Augen schließt, wird auch das Licht nicht sehen. Aber er kann sich nicht darauf berufen, es sei dunkel.

Unser Vorgehen ist daher: Wir schauen auf das, was ist. Wir versuchen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wir prüfen, ob unsere Einsichten notwendig sind — ob es sich also gar nicht anders verhalten kann, als wir es einsehen. Und wo wir auf Notwendiges stoßen, da haben wir festen Boden unter den Füßen.


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