3.2 Was ist ein Begriff?

3.2.1 Wort und Begriff sind nicht dasselbe

Einer der größten Stolpersteine im Nachdenken über die Person ist die Verwechslung von Wort und Begriff. Das Wort „Person“ gehört einer bestimmten Sprache an. Es besteht im Deutschen aus sechs Buchstaben des lateinischen Alphabets. Verschiedene Buchstaben, die für etwas stehen, sind auf bestimmte Weise zusammengesetzt, sodass sie ein Wort bilden können. Das geschriebene Wort wird durch den auf etwas meinend abgezielten Begriff bezeichnet. Das Wort setzt sich aus verschiedenen Lauten zusammen. Es gibt also innerhalb der unterschiedlichen Sprachen verschiedene Wörter, durch die bestimmte Begriffe bezeichnet werden. Das deutsche Wort „Person“, das englische „person“, das lateinische „persona“, das griechische „prosopon“ — das sind verschiedene Wörter. Aber sie können denselben Begriff bezeichnen.

Was ist also ein Begriff? Ein Begriff ist keine Ansammlung von Buchstaben und keine Klangfolge. Er ist auch kein Bild im Kopf und kein Gefühl. Ein Begriff ist eine Bedeutungseinheit — das, was jemand geistig erfasst, wenn er über etwas nachdenkt.

Ein Beispiel macht das deutlich: Angenommen, ein Deutsch sprechender Mensch und ein Chinesisch sprechender Mensch denken beide darüber nach, was eine Person ist. Sie kommen beide zur selben Einsicht: dass die Person ein einmaliges Wesen mit unverlierbarer Würde ist. Dann gebrauchen sie verschiedene Wörter (und verschiedene Schriftzeichen), aber sie haben denselben Begriff. Sie zielen denkend auf dieselbe Sache. Das Wort ist nur das Werkzeug; der Begriff ist der Gedankeninhalt.

Das bedeutet aber auch: Zwei Menschen können dasselbe Wort verwenden und trotzdem etwas völlig Verschiedenes meinen. Wenn einer mit „Person“ nur Roboter meint (Maschinenmenschen) und der andere damit Gott oder reine Geistwesen, dann verwenden beide dasselbe Wort „Person“, legen ihm aber grundverschiedene Begriffe zugrunde. Dasselbe Wort, aber ein ganz anderer Gedankeninhalt.

Wenn also zwei Menschen sich über die Person streiten, ist die erste Frage: Meinen sie mit dem Wort „Person“ überhaupt dasselbe? Nur wenn sie denselben Begriff zugrunde legen, reden sie tatsächlich über dieselbe Sache. Andernfalls reden sie aneinander vorbei.

3.2.2 Denken und Begreifen

Was geschieht, wenn wir einen Begriff bilden? Hier sind zwei Dinge sorgfältig zu unterscheiden: das Denken als Vorgang und das Gedachte als Inhalt. Man könnte auch sagen: der Begriffsakt und der Begriffsinhalt (vgl. Bexten 2017, S. 68—72).

Der Denkvorgang — der Akt des Nachdenkens, der Begriffsakt — ist etwas ganz Persönliches und Individuelles. Er geschieht in einem bestimmten Menschen, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort. Wenn ich heute Abend über die Person nachdenke, ist das mein individueller Denkvorgang, und er unterscheidet sich von Ihrem Denkvorgang, wenn auch Sie darüber nachdenken. Mein Denkvorgang ist mein psychisches Erlebnis; Ihr Denkvorgang ist Ihres.

Aber der Denkinhalt — der Begriffsinhalt, das, was gedacht wird — kann derselbe sein. Wenn Sie und ich beide einsehen, dass personale Verantwortung die Willensfreiheit des Menschen voraussetzt, dann haben wir zwei verschiedene Denkvorgänge (meinen, Ihren), aber denselben Inhalt erfasst. Ob mir dabei physisch unwohl ist oder ob ich mich bester Gesundheit erfreue — es schmälert nicht im Geringsten die gewonnene Einsicht. Denkinhalte bestehen aus Begriffen, und Begriffe können von verschiedenen Menschen gedacht werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt verständigen können.

Diese Unterscheidung von Begriffsakt und Begriffsinhalt ist grundlegend. Der Begriffsakt ist mein psychisches Erlebnis — er findet in mir statt, er hat eine bestimmte Dauer, er kann mich anstrengen oder leichtfallen. Der Begriffsinhalt hingegen ist das, was ich durch den Akt erfasse: eine Bedeutungseinheit, die nicht mein privater Besitz ist, sondern von anderen ebenso erfasst werden kann. Der Begriffsakt ist subjektiv und einmalig; der Begriffsinhalt kann intersubjektiv und allgemein sein.

Das lässt sich auch umgekehrt verdeutlichen: Derselbe Mensch kann zu verschiedenen Zeiten verschiedene Begriffsakte vollziehen, die denselben Begriffsinhalt erfassen. Wenn ich heute einsehe, dass die Person ein Wesen mit unverlierbarer Würde ist, und morgen erneut darüber nachdenke, dann sind die beiden Denkvorgänge verschieden (es sind zwei verschiedene psychische Erlebnisse, an verschiedenen Tagen, vielleicht in verschiedener Stimmung), aber der Inhalt, den ich erfasse, ist derselbe. Die Wahrheit über die Person ändert sich nicht dadurch, dass ich sie am Dienstag nochmals denke.

Ein Beispiel: Wenn ein Student in München und ein Student in Tokio beide den Satz des Pythagoras verstehen, dann haben beide verschiedene Begriffsakte vollzogen — zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, unter verschiedenen Umständen. Aber der Begriffsinhalt, den sie erfasst haben, ist derselbe. Der Satz bleibt wahr, gleichgültig wer ihn wann denkt. Genauso verhält es sich mit dem Personbegriff: Der Akt, in dem ich ihn denke, ist meiner. Aber der Inhalt — das, was ich über die Person einsehe — kann von jedem denkenden Wesen erfasst werden.

Sprache dient der Vermittlung von Denkinhalten, die durch Begriffe gefasst werden. Die von einem Menschen gesprochene Sprache ist ein zielgerichteter Vorgang, da es sinnvolle, bedeutungstragende Sprache ohne die zugrunde liegenden Begriffe nicht geben kann, die wiederum ein geistiges Bewusstsein voraussetzen. Begreifen ist somit auch ein zielgerichtetes Geschehen — es setzt ein geistiges Wesen voraus, das sich dessen bewusst ist, was es begreift. Und was es durch den jeweiligen Begriff meinend abzielt.

Hieraus folgt etwas Wichtiges: Der Begriff als solcher ist nicht etwas Materielles. Er hat kein Gewicht, keine Ausdehnung, keine Farbe. Man kann ihn nicht anfassen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht mit einem Messer zerteilen. Die Bedeutungseinheit ist folglich nichts Materielles, sie hat keine Ausdehnung und kann deswegen auch nicht mit einem Küchenmesser zerteilt werden. Wohl aber kann das gedruckte Wort, das sich aus vielen Buchstaben zusammensetzt, mit einem scharfen Küchenmesser in die einzelnen Buchstaben zerteilt werden.

Es wäre geradezu absurd, wenn ein Chirurg während einer Operation auf die Idee käme, nach dem Personbegriff seines Patienten zu suchen. Denn der Begriff existiert nicht im Gehirn wie ein Organ oder eine Zelle. Er existiert als geistige Größe, die vom materiellen Bereich grundverschieden ist.

Das bedeutet: Begreifen ist mehr als ein bloßer Gehirnvorgang. Natürlich geht das Denken mit Gehirnaktivitäten einher — das bestreitet niemand. Aber der Begriffsinhalt ist nicht identisch mit dem neuronalen Prozess. Der neuronale Prozess hat eine bestimmte Dauer, eine bestimmte Lokalisierung im Gehirn, einen bestimmten Energieverbrauch. Der Begriffsinhalt hat nichts davon. Dass ist, hat kein Gewicht und keinen Ort. Man kann es denken — und das Denken geschieht im Gehirn. Aber das Gedachte ist nicht im Gehirn, so wie das Bild einer Landschaft nicht in der Kamera ist, sondern auf dem Foto erscheint.

Diese Einsicht ist für die Frage nach der Person von großer Bedeutung. Denn wenn Begreifen mehr ist als ein Gehirnvorgang, dann ist auch der Mensch, der begreift, mehr als sein Gehirn. Der Mensch ist nicht bloß ein hochkomplexes Nervensystem, sondern ein Wesen, das geistige Inhalte erfassen kann — und das heißt: ein geistiges Wesen. Die Fähigkeit des Begreifens verweist auf eine Dimension des Menschseins, die über das rein Materielle hinausgeht.

3.2.3 Was ist ein treffender Begriff?

Nun stellt sich die entscheidende Frage: Kann ein Begriff die Sache, auf die er abzielt, treffend erfassen — oder ist jeder Begriff bloß eine willkürliche Setzung, die man beliebig austauschen könnte?

Die Antwort lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Wenn jemand sagt: „Ein Dreieck ist eine Figur mit drei Seiten“, dann hat er einen treffenden Begriff vom Dreieck. Der Begriff stimmt mit der Sache überein. Wer dagegen sagt: „Ein Dreieck ist eine runde Figur“, hat einen falschen Begriff. Der Begriff zielt zwar auf das Dreieck ab, aber er erfasst es nicht richtig. Er ist widersprüchlich und daher kein treffender Begriff.

Es gibt also einen Unterschied zwischen einem treffenden und einem untreffenden Begriff. Ein treffender Begriff — man kann ihn auch einen „adäquaten“ Begriff nennen — ist eine Bedeutungseinheit, durch die eindeutig auf ein bestimmtes reales Wesen, einen bestimmten realen Sachverhalt meinend abgezielt wird. Er stimmt mit dem überein, was in der Wirklichkeit der Fall ist (vgl. Bexten 2017, S. 72—75).

Ein untreffender — inadäquater — Begriff hingegen hat eine andere Materie als die Grundcharakteristika des wirklich Seienden, auf das er meinend abzielt. Er verfehlt die Sache. Ein Beispiel: Wenn jemand unter „Person“ nichts weiter versteht als „ein Wesen, das gerade denkt“, dann hat er einen untreffenden Personbegriff — denn ein schlafender Mensch denkt gerade nicht und ist dennoch Person.

Ein weiteres Beispiel: Wer „Wasser“ als „eine brennbare Flüssigkeit“ definiert, hat einen inadäquaten Begriff von Wasser — der Begriff zielt auf Wasser ab, aber er trifft dessen Wesensbeschaffenheit nicht. Wer dagegen sagt: „Wasser ist HO“, hat einen adäquaten Begriff, weil er das Wesen der Sache erfasst. Genauso verhält es sich beim Personbegriff: Ein adäquater Personbegriff muss das erfassen, was die Person in ihrem Wesen wirklich ist — nicht bloß eine äußere Eigenschaft oder ein beiläufiges Merkmal.

Der entscheidende Punkt ist: Ein adäquater Begriff muss die Sache treffen. Er muss, bildlich gesprochen, ins Schwarze treffen — nicht bloß in die Nähe. Er muss die wesentlichen Merkmale des gemeinten Seienden begrifflich erfassen. Ein Begriff, der nur Nebensächliches trifft, ist noch kein adäquater Begriff, auch wenn er nicht direkt falsch ist. Wer „Person“ als „ein Wesen, das aufrecht geht“ definiert, hat keinen falschen, aber einen völlig unzureichenden Begriff — denn aufrechter Gang gehört nicht zum Wesen des Personseins.

Der adäquate Begriff muss also gleichsam bis zum Kern der Sache vordringen. Er darf nicht bei äußeren, beiläufigen oder wechselnden Merkmalen stehenbleiben. Er muss das erfassen, was die Sache zu dem macht, was sie ist — ihre Wesensbeschaffenheit. Beim Personbegriff heißt das: Ein adäquater Personbegriff muss die relevanten wirklichen Wesenscharakteristika des gemeinten Seienden begrifflich erfassen. Er darf sich nicht mit empirisch beobachtbaren Verhaltensweisen begnügen, denn diese können sich ändern, ohne dass sich das Wesen des Seienden ändert. Ein Mensch, der schläft, zeigt kein Personverhalten — und ist dennoch Person. Also kann Personverhalten nicht das Wesen des Personseins sein, sondern nur dessen äußere Erscheinung.

Das ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen dem Wesen eines Baumes und seinen wechselnden Erscheinungen: Im Herbst verliert die Eiche ihre Blätter, im Winter steht sie kahl, im Frühling treibt sie neu aus. Die Erscheinung wechselt, aber das Wesen der Eiche bleibt. Wer die Eiche nur nach ihren Blättern beurteilt, kommt im Winter zum Schluss, es handele sich nicht mehr um eine Eiche. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen, der seine Fähigkeiten verliert: Die Erscheinung wechselt, aber das Wesen bleibt.

Ein treffender Personbegriff ist also nicht einfach eine nützliche Übereinkunft oder ein bloßes Etikett, das man nach Belieben tauscht. Er ist eine echte Erkenntnis — ein geistiges Erfassen dessen, was die Person in ihrem Wesen wirklich ausmacht. Durch den treffenden Begriff ist die gemeinte Sache, auf die der Denkende durch den Begriff meinend abzielt, tatsächlich erschlossen.

Das hat weitreichende Folgen. Denn wenn es einen treffenden Personbegriff gibt, dann ist die Frage „Was ist eine Person?“ keine Frage nach unseren Vorlieben oder gesellschaftlichen Abmachungen. Es ist eine Frage nach der Wahrheit. Und wenn zwei Personen einen treffenden Begriff derselben Sache gefasst haben, so ist hiermit auch die Identität des Begriffs mitausgesagt: Zwei Menschen können unabhängig voneinander dieselbe Wahrheit über die Person erkennen.

3.2.4 Der Personbegriff ist nicht die Person selbst

Es gibt noch einen Punkt, der leicht übersehen wird, aber von großer Wichtigkeit ist: Der Begriff der Person ist nicht die Person selbst. Der Personbegriff ist eine geistige Bedeutungseinheit — etwas, das im Denken existiert. Die reale Person hingegen ist ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut, das liebt, denkt, handelt und leidet.

Man kann eine reale menschliche Person freundschaftlich lieben. Aber man kann den Begriff der menschlichen Person nicht freundschaftlich lieben, denn Liebe in einem engeren und eigentlichen Sinn setzt eine reale Person voraus — ein Wesen, das sich selbst besitzt und sich schenken kann. Der Begriff ist kein Abbild der Person und kein Stellvertreter. Er ist das, wodurch das denkende Wesen auf die Person meinend abzielt. Abbild und Urbild sind einander ähnlich; der Begriff hingegen hat mit dem gemeinten Wesen als solcher keine Ähnlichkeit. Er übernimmt auch keine Vertretungsfunktion, er nimmt nicht die Stelle der realen Sache ein.

Das durch den Begriff gemeinte Etwas, im Fall des Personbegriffs die Person, kann als das „Korrelat“ des Begriffs bezeichnet werden. Es ist von großer Wichtigkeit, dieses Korrelat nicht mit dem Bewusstsein zu verwechseln oder zu identifizieren. Der einzelne psychische Akt des Bewusstseins, der auf etwas ausgerichtet ist, ist also selbst niemals zielgerichtet, genauso wenig wie der Erkenntnisakt etwas erkennt, oder bestimmte Eigenschaften des Erkenntnisobjektes besitzt. Was das Bewusstsein meint, steht ihm immer gegenüber.

Warum ist das wichtig? Weil die Frage, ob alle Menschen Personen sind, nicht dadurch entschieden wird, dass man sich auf einen bestimmten Personbegriff einigt. Der Personbegriff als solcher entscheidet nicht darüber, ob alle Menschen Personen sind oder nicht. Trotzdem spiegeln sich die jeweils verschiedene und möglicherweise kontradiktorisch-gegensätzliche philosophische Auffassungen der Wirklichkeit in den verschiedenen Personbegriffen wider. Es ist also angedeutet worden, dass sowohl die notwendige Wesenheit der Person als auch das Wesen dieser realen Person nicht willkürlich konstruiert, willkürlich-definitorisch gesetzt oder bestimmt werden können. Vielmehr kann der treffende Personbegriff nur im Rückgang auf die Sache selbst — also die menschliche Person als geistige Person — erschauend philosophisch durchdrungen und erfasst werden.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen zwei grundverschiedenen Herangehensweisen: Entweder man versucht, im Rückgang auf die Sache selbst zu erkennen, was die Person wirklich ist — oder man setzt willkürlich fest, was als „Person“ gelten soll. Die erste Herangehensweise sucht die Wahrheit. Die zweite konstruiert eine Definition. Nur die erste kann zu einem adäquaten Personbegriff führen.

Ein Vergleich macht das anschaulich: Ein Biologe, der wissen will, was eine bestimmte Pflanze ist, geht zur Pflanze hin, untersucht sie, betrachtet ihre Blätter, ihre Blüten, ihre Wurzeln. Er bildet seinen Begriff der Pflanze im Rückgang auf die Sache selbst. Wenn er dagegen am Schreibtisch festlegen würde, was als „Pflanze“ zu gelten hat, ohne je eine Pflanze untersucht zu haben, käme er zu einem willkürlichen Begriff, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben muss. Genauso verhält es sich mit dem Personbegriff: Wer die Person in ihrem Wesen erkennen will, muss sich der Wirklichkeit der Person zuwenden — dem konkreten, lebendigen menschlichen Wesen, das denkt, liebt, leidet und handelt. Nur so kann ein Begriff entstehen, der die Sache trifft.


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