2.3 Vorurteile beiseitelegen
Eine wichtige Voraussetzung für echtes philosophisches Erkennen ist die Bereitschaft, Vorurteile beiseitezulegen.
Damit sind nicht die Meinungen gemeint, die wir alle haben und die uns das Leben erleichtern. Gemeint sind vielmehr ungeprüfte Annahmen, die sich so tief in unser Denken eingenistet haben, dass wir sie nicht mehr als Annahmen erkennen. Dazu gehören vor allem drei Arten von geistigen Hindernissen:
2.3.1 a) Pauschalargumente
Ein Pauschalargument ist kein echtes Argument. Es ist ein Scheingrund, der auf Unkenntnis beruht. Zum Beispiel: „Nach Kant kann man über das Wesen der Dinge nichts mehr aussagen.“ Das ist kein Argument, sondern ein Autoritätsverweis — und ein falscher dazu. Denn es ist kein philosophischer Grundsatz, dass alles, was ein großer Denker gesagt hat, wahr sein muss. Wahrheit lässt sich nicht durch Berufung auf Autorität feststellen, sondern nur durch Einsicht in die Sache selbst. Pauschalargumente fußen nicht auf Erfahrung und Einsicht, sondern auf Unkenntnis von Realkonstatierungen und Indizien.
2.3.2 b) Stillschweigende Vorentscheidungen
Oft wird stillschweigend vorausgesetzt, was erst bewiesen werden müsste. Zum Beispiel: „Nur was naturwissenschaftlich messbar ist, ist wirklich.“ Das ist keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine philosophische Vorentscheidung — und zwar eine, die sich selbst widerlegt. Denn der Satz „Nur Messbares ist wirklich“ ist selbst nicht messbar. Er ist eine metaphysische Behauptung, die sich als Wissenschaft verkleidet.
Solche stillschweigenden Vorentscheidungen sind besonders gefährlich, weil sie oft gar nicht als solche erkannt werden. Wer meint, er habe keine philosophischen Voraussetzungen, hat besonders viele — nur ungeprüfte.
2.3.3 c) Reduktionismen
Ein Reduktionismus liegt vor, wenn man etwas auf etwas anderes zurückführt und dabei wesentliche Aspekte verliert oder uminterpretiert. Zum Beispiel: „Der Mensch ist nichts anderes als ein Haufen Atome.“ Das ist ein Reduktionismus, weil es die Frage nach dem Wesen des Menschen durch eine physikalische Beschreibung ersetzt — und dabei alles unterschlägt, was den Menschen zum Menschen macht: sein Denken, seine Freiheit, seine Liebesfähigkeit, seine Würde.
Nicht jede Zurückführung ist ein unzulässiger Reduktionismus. Es gibt gesunde naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle, die bestimmte Phänomene auf einfachere Ursachen zurückführen. Ungesund wird es dort, wo in der Wirklichkeit bestehende Sachverhalte so um- oder weginterpretiert werden, dass sie in die jeweilige Theorie passen.
Um philosophisch zu erkennen, muss man bereit sein, solche Vorurteile zu durchschauen und beiseitezulegen. Nicht aus Leichtfertigkeit, sondern aus Liebe zur Wahrheit. Das erfordert eine geistige Umwälzung, die Conrad-Martius als „völlig neue Weltsicht und Welt der Forschungsart“ beschrieben hat.1
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Fußnoten
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Conrad-Martius, „Phänomenologie und Spekulation” (1965), in: Schriften zur Philosophie, Bd. 3, München: Kösel, 1965, S. 370–384. ↩