Immanuel Kant (1724—1804)

Immanuel Kant nimmt im Buch eine eigentümliche Doppelstellung ein: Einerseits wird seine Zweckformel des kategorischen Imperativs als eine der klarsten Formulierungen der Menschenwürde gewürdigt; andererseits wird seine Begründung dieser Würde — im Sittengesetz statt im Sein der Person — als unzureichend kritisiert.

Schlüsselbeitrag

Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) enthält die berühmte Formulierung: “Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.” Diese Zweckformel stimmt inhaltlich mit der personalistischen Norm überein, die das Buch vertritt: Die Person darf nie bloßes Mittel sein, sondern verdient Bejahung um ihrer selbst willen (vgl. Bexten 2017, S. 146—150).

Zentrale Ideen im Buch

Übereinstimmung: Würde und Zweckformel

Das Buch erkennt an, dass Kant einen wesentlichen Sachverhalt erfasst hat: Der Mensch besitzt eine unbedingte Würde, die ihn über alle Dinge erhebt. Darin trifft sich Kant mit der thomistisch-personalistischen Tradition, die das Buch verteidigt. Wojtylas personalistische Norm — persona est affirmanda propter se ipsam — entspricht inhaltlich dem, was auch Kant forderte (vgl. Bexten 2017, S. 146).

Kritik: Pflicht statt Sein

Der entscheidende Unterschied betrifft die Begründung. Für Kant gründet die Achtung vor dem Menschen im allgemeinen Sittengesetz, in einer Pflicht. Die personalistische Norm dagegen gründet im Sein der Person selbst: Weil der Mensch ist, was er ist — ein Jemand mit unverlierbarer Würde —, deshalb gebührt ihm Bejahung und Liebe. Nicht aus Pflicht, sondern als angemessene Antwort auf die Wirklichkeit. Hengstenberg argumentiert in Anknüpfung an Schelers Kantkritik, dass Kants Begriff der Persönlichkeit sich “lediglich auf das allgemeine (autonome) moralische Gesetz, nicht auf eine seinsmäßige (substantielle) Bestimmung der Person” gründe (vgl. Bexten 2017, S. 147).

Wenn die Achtung vor dem Menschen nur in einer Pflicht gründet, wird die Person nicht wirklich als Person bejaht, sondern um des Gesetzes willen. Sie wird nicht als einmaliges Du angesprochen, sondern als Fall unter einem allgemeinen Gesetz behandelt.

Metaphysikkritik als Vorurteil

Kant erscheint im Buch auch als Quelle eines weit verbreiteten Vorurteils: der Behauptung, Metaphysik sei überwunden und über das Wesen der Dinge lasse sich nichts mehr aussagen. Das Buch weist dies als Pauschalargument zurück — als Autoritätsverweis, der nicht auf Einsicht in die Sache selbst beruht, sondern auf Unkenntnis. Spaemann macht deutlich, dass ein “postmetaphysisches Zeitalter” ein Widerspruch in sich wäre (vgl. Bexten 2017, S. 25—27).

Stellung im Buch

Kant wird in den Kapiteln Wie denkt man über solche Fragen nach? und Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? behandelt sowie im Abschnitt Zur Würde des Menschen als Leseempfehlung genannt.

Siehe auch