Die Dead Donor Rule (DDR) ist ein klinisch-ethisches Grundprinzip der Transplantationsmedizin in zwei Formulierungen:
- Vitale Organe dürfen nur von Toten entnommen werden.
- Die Organentnahme darf den Tod der Spenderin oder des Spenders nicht verursachen.
Beide Sätze gehören zusammen: Der erste schützt die Voraussetzung der Spende (es liegt ein Toter vor), der zweite schützt die Kausalität der Spende (die Entnahme darf nicht zur Tötung werden). Die DDR ist Ausdruck der Personalistischen Norm im Kontext der Organspende: Die Person darf nicht als Mittel zur Gewinnung eines Spenderorgans behandelt werden — sie ist um ihrer selbst willen zu bejahen.
Die DDR ist eine normative Setzung. Ihre Anwendung hängt entscheidend von zwei vorgelagerten Fragen ab: erstens, was Tod heißt; zweitens, was verursachen heißt. Beide Fragen sind philosophisch nicht trivial.
Verhältnis zur Definition des Todes
Die DDR macht das ontologische Problem der Todesdefinition praxisrelevant. Wer den Tod mit dem irreversiblen Hirnfunktionsausfall gleichsetzt, kann die Spende nach IHA als DDR-konform ausweisen; wer mit der hier vertretenen Position IHA und sicheren Tod unterscheidet, sieht die DDR strenger. Wer die Permanenz des Kreislaufstillstands für hinreichend hält, wird die DCD als DDR-konform werten; wer die Irreversibilität fordert, sieht eine Verletzung.
Die hier vertretene Ontologie folgt der zweiten Linie: Permanenz ist substanzontologisch nicht hinreichend für den sicheren Tod. Damit verletzt die DCD-Praxis die DDR potentiell — nicht nur in ihrer schärfsten Form (TA-NRP), sondern bereits in der Permanenz-Setzung selbst. Die Ontologie markiert deshalb DonationAfterCirculatoryDeath, ControlledDCD und UncontrolledDCD mit der Aussage verletzt potentiell sowohl die Dead Donor Rule als auch die Personalistische Norm.
Das Vorsichtsprinzip Benedikts XVI. trägt diese Bewertung: Wo die Todesdefinition kontrovers ist, soll die DDR im strengeren Sinn ausgelegt werden — und das heißt: nicht Permanenz, sondern Irreversibilität als Kriterium.
Verletzung durch Kausalität
Der zweite Satz der DDR — die Entnahme darf den Tod nicht verursachen — wird in der Diskussion um die Normotherme Regionale Perfusion besonders scharf. Bei der thoracoabdominalen NRP-Variante mit chirurgischer Klemmung der Aortenbogengefäße entsteht die Frage: Wenn die Person im Moment der Klemmung nicht definitiv tot ist (sondern nur permanenten Kreislaufstillstand zeigt), ist die Klemmung dann selbst die Todesursache?
James L. Bernat und Thaddeus M. Pope haben argumentiert, dass die Notwendigkeit der Klemmung die Antwort vorwegnimmt: Man klemmt, weil sonst die Hirndurchblutung zurückkehren würde. Wer aber sonst zurückkehren würde, war im Moment der Klemmung nicht endgültig fort. In dieser Linie ist TA-NRP eine kausale Tötungshandlung — und damit eine direkte Verletzung der DDR. Robert D. Truog (Hastings Center Report 2024) hält dem entgegen, dass nach festgestellter Permanenz kein Subjekt mehr existiere, das getötet werden könnte; der normative Wille, nicht mehr zu reanimieren, mache die Permanenz hinreichend.
Die hier vertretene Ontologie folgt der Linie Bernats und Popes: TA-NRP ist substanzontologisch problematisch; das Vereinigte Königreich pausierte die Praxis Ende 2020 aus genau diesem Grund.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Normative Begründung, Norm
Ontologische Beziehungen:
- schützt: Recht auf Leben, Erste Dimension der Person
- konkretisiert: Personalistische Norm
- ergänzt durch: Vorsichtsprinzip
- diskutiert bei: DCD, NRP, IHA
- potentiell verletzt durch: thoracoabdominale NRP mit Aortenbogen-Klemmung
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 5: Personvergessenheit
Quellenangaben
Klassische Formulierung und Diskussion
- Robertson, John A. (1999): Delimiting the Donor: The Dead Donor Rule. Hastings Center Report 29(6): 6—14. Klassische Darstellung und erste systematische Verteidigung.
- Bernat, James L. (2006): Are organ donors after cardiac death really dead? Journal of Clinical Ethics 17(2): 122—132.
- Bernat, James L. (2013): Controversies in defining and determining death in critical care. Nature Reviews Neurology 9(3): 164—173.
- Truog, Robert D.; Robinson, Walter M. (2003): Role of brain death and the dead-donor rule in the ethics of organ transplantation. Critical Care Medicine 31(9): 2391—2396.
Permanenz versus Irreversibilität
- Bernat, James L.; Capron, Alexander M.; Bleck, Thomas P.; Blosser, Sandralee; Bratton, Susan L.; Childress, James F.; et al. (2010): The circulatory-respiratory determination of death in organ donation. Critical Care Medicine 38(3): 963—970.
- Zorko, David J.; Shemie, Sam D.; Hornby, Laura; et al. (2023): Autoresuscitation after circulatory arrest: an updated systematic review. Canadian Journal of Anesthesia 70(4): 699—712.
NRP und potentielle DDR-Verletzung
- Truog, Robert D. (2024): In Defense of Normothermic Regional Perfusion. Hastings Center Report 54(4): 24—31.
- Manara, Alex et al. (2020): Maintaining the permanence principle for death during in situ normothermic regional perfusion for donation after circulatory death organ recovery: A United Kingdom and Canadian proposal. American Journal of Transplantation 20(8): 2017—2025.
- Murphy, Nicholas B.; Slessarev, Marat; Basmaji, John; Blackstock, Lucia; Blaszak, Marlena; Brahmania, Mayur; Chandler, Jennifer A.; Dhanani, Sonny; Gaulton, Maya; Gross, Jeffrey A.; Healey, Andrew; Lingard, Lorelei; Ott, Michael; Shemie, Sam D.; Weijer, Charles (2025): Ethical Issues in Normothermic Regional Perfusion in Controlled Organ Donation After Determination of Death by Circulatory Criteria: A Scoping Review. Transplantation 109(4): 597—609.
Lehramtliche Stützung der Linie
- Pius XII. (1957): Le Dr. Bruno Haid — Ansprache vom 24. November 1957. AAS 49: 1027—1033.
- Benedikt XVI. (2008): Ansprache an den Internationalen Kongress für Organspende, Rom, 7. November 2008.
Leitlinien
- American Society of Transplantation; American Society of Transplant Surgeons (AST/ASTS): Statement on DCD. https://www.myast.org/ast-asts-statement-on-dcd
- American Society of Anesthesiologists: Statement on Controlled Organ Donation After Circulatory Death. https://www.asahq.org/standards-and-practice-parameters/statement-on-controlled-organ-donation-after-circulatory-death
Siehe auch
- Vorsichtsprinzip
- Organspende nach Kreislaufstillstand (DCD)
- Normotherme Regionale Perfusion
- Permanenz und Irreversibilität
- Irreversibler Hirnfunktionsausfall
- Personalistische Norm
- Sterbephasen (klinischer Tod als Auslöser der 5-Min-Beobachtung)
- Lebendspende
- Unpaariges Organ
- DCD-Herzspende
- Pius XII.
- Johannes Paul II.
- Benedikt XVI.
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.