Die postmortale Spende — englisch Post-Mortem Donation — ist die Spende eines Organs nach dem Tod der Spenderin oder des Spenders. Sie steht unter der Dead Donor Rule und unter der Frage, was als sicherer Tod gilt. Sie umfasst zwei Unterformen: die Spende nach festgestelltem Hirntod (DBD) und die Spende nach festgestelltem Kreislaufstillstand (DCD).
Klinisch-rechtliche Klassifikation versus ontologische Bewertung
Die Bezeichnung „postmortale Spende” ist eine klinisch-rechtliche Klassifikation auf Grundlage der jeweils geltenden Todesfeststellung. Die hier vertretene Personontologie unterscheidet zwischen dieser Klassifikation und der substanzontologischen Frage, ob im jeweiligen Fall der sichere Tod tatsächlich eingetreten ist:
- Organspende nach Hirntod (DBD): setzt die Identifikation von irreversiblem Hirnfunktionsausfall und sicherem Tod voraus. Die hier vertretene Ontologie unterscheidet beide Sachverhalte und teilt diese Identifikation nicht.
- Organspende nach Kreislaufstillstand (DCD): stützt die Todesfeststellung auf die Permanenz des Kreislaufstillstands. Substanzontologisch reicht Permanenz für den sicheren Tod nicht hin.
Beide Unterformen stehen damit unter der Spannung der Dead Donor Rule und unter dem Vorsichtsprinzip Benedikts XVI. (2008): „Wo Gewissheit nicht erreicht ist, muss das Prinzip der Vorsicht vorherrschen.”
Ontologische Einordnung
Begrifflicher Gegensatz: Lebendspende — Lebendspende vermeidet die Dead-Donor-Rule-Spannung vollständig.
Unterklassen:
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 5: Personvergessenheit
Quellenangaben
Klinisch-rechtliche Grundlagen
- Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School (1968): A Definition of Irreversible Coma. JAMA 205(6): 337–340.
- President’s Commission for the Study of Ethical Problems in Medicine (1981): Defining Death: A Report on the Medical, Legal, and Ethical Issues in the Determination of Death.
- Bundesärztekammer (2022): Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (5. Fortschreibung).
- Greer, David M. et al. (2020): Determination of Brain Death/Death by Neurologic Criteria. The World Brain Death Project. JAMA 324(11): 1078–1097.
- Transplantationsgesetz (Deutschland), §3.
Substanzontologische und ethische Kritik
- Jonas, Hans (1974): Against the Stream: Comments on the Definition and Redefinition of Death. In: Philosophical Essays: From Ancient Creed to Technological Man. Englewood Cliffs: Prentice-Hall.
- Shewmon, D. Alan (2001): The brain and somatic integration. Journal of Medicine and Philosophy 26(5): 457–478.
- Truog, Robert D.; Robinson, Walter M. (2003): Role of brain death and the dead-donor rule in the ethics of organ transplantation. Critical Care Medicine 31(9): 2391–2396.
- Veatch, Robert M.; Ross, Lainie F. (2016): Defining Death: The Case for Choice. Washington: Georgetown University Press.
- President’s Council on Bioethics (2008): Controversies in the Determination of Death: A White Paper.
Lehramtliche Position
- Johannes Paul II. (2000): Ansprache an den XVIII. Internationalen Kongress der Transplantationsgesellschaft.
- Benedikt XVI. (2008): Ansprache an den Internationalen Kongress für Organspende. Vorsichtsprinzip.
- Pius XII. (1956): Ansprache an die Italienische Anästhesie-Gesellschaft. Lebendspende und Prinzip der Totalität.
Siehe auch
- Organspende nach Hirntod
- Organspende nach Kreislaufstillstand
- Lebendspende
- Dead Donor Rule
- Vorsichtsprinzip
- Sicherer Tod
- Irreversibler Hirnfunktionsausfall
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.