Die Irreversibilitäts-These ist die Position, dass die rechtliche und ethische Todesfeststellung tatsächliche Irreversibilität fordert, nicht bloße Permanenz im Sinne einer Behandlungsentscheidung. Die These ist die zentrale Gegenposition zur Permanenz-These in der internationalen Debatte.
Vertreter
- Ari R. Joffe — DCDD Donors Are Not Dead (Hastings Center Report 48 Suppl 4, 2018) und der Beitrag „Should the Criterion for Brain Death Require Irreversible or Permanent Cessation of Function? Irreversible” (Neurology 101, 2023)
- Michael Nair-Collins / Franklin G. Miller — Current Practice Diagnosing Brain Death Is Not Consistent With Legal Statutes (J Intensive Care Med 37, 2022)
- Don Marquis — Are Spende nach Kreislaufstillstand Donors Dead? (Hastings Center Report 40, 2010): „reversibel” als dispositionaler Begriff
Verankerung im Recht
Die Irreversibilitäts-These ist in den geltenden Statuten und Richtlinien verankert:
- USA: UDDA von 1981 — „irreversible cessation of all functions of the entire brain”
- Deutschland: TPG §3, BÄK-Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (5. Fortschreibung 2022) — bewusste Beibehaltung des Begriffs „irreversibel”
- UK: AoMRC Code of Practice 2008 — „irreversible loss of capacity for consciousness combined with irreversible loss of capacity to breathe”
Der Versuch der UDDA-Revision 2021–2023, „irreversible” durch „permanent” zu ersetzen, scheiterte — ein indirekter Ausdruck der Stärke der These.
Argument
Die These argumentiert entlang dreier Linien:
- Semantische Linie: „Permanent” und „irreversibel” bezeichnen verschiedene Sachverhalte. Wer beides identifiziert, höhlt den Begriff der Dead Donor Rule aus (Joffe).
- Empirische Linie: Die Hypothalamus-Restfunktion zeigt, dass die UDDA-Forderung in der klinischen Praxis nicht erfüllt wird. Konsequenz ist nicht ein Wechsel zur schwächeren Definition, sondern Anerkennung der Lücke (Nair-Collins).
- Modale Linie: „Reversibel” ist ein dispositionaler Begriff (analog zu „löslich”, „fragil”). Was prinzipiell wiederherstellbar ist, ist reversibel — auch wenn die Rückführung nicht versucht wird (Marquis).
Position der Ontologie
Die vorliegende Ontologie ordnet sich der Irreversibilitäts-These eingeschränkt zu — verbunden mit der substanzontologischen Kritik der Gleichsetzung von irreversiblem Hirnfunktionsausfall und sicherem Tod: Selbst eine wirklich irreversible Funktionsdiagnose beweist noch nicht, dass die Person als solche aufgehört hat zu sein. Das Vorsichtsprinzip verlangt, im Zweifel die strengere Auslegung anzunehmen.
Ontologische Einordnung
Oberklasse: Position
Gegenposition: Permanenz-These
Verbunden mit: Dead Donor Rule, Vorsichtsprinzip, Hypothalamus-Restfunktion
Quellenangaben
- Joffe, Ari R. (2018): DCDD Donors Are Not Dead. Hastings Center Report 48 Suppl 4: S29–S32. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/hast.949
- Joffe, Ari R. (2023): Should the Criterion for Brain Death Require Irreversible or Permanent Cessation of Function? Irreversible: The UDDA Revision Series. Neurology 101: 181–185. https://www.neurology.org/doi/10.1212/WNL.0000000000207403
- Marquis, Don (2010): Are Spende nach Kreislaufstillstand Donors Dead? Hastings Center Report 40(3): 24–31.
- Nair-Collins, Michael; Miller, Franklin G. (2022): Current Practice Diagnosing Brain Death Is Not Consistent With Legal Statutes. J Intensive Care Med 37(2): 153–155. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0885066620939037
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.