Das Hirntodkriterium ist die Oberklasse aller Todeskriterien, die auf dem irreversiblen Funktionsausfall des Gehirns oder seiner Teile beruhen. Es umfasst drei historisch und geographisch unterscheidbare Konzepte:
- Ganzhirntod-Konzept — Standard in den USA (UDDA 1981) und in Deutschland (TPG §3, BÄK 2022)
- Hirnstammtod-Konzept — britischer Standard (AoMRC Code of Practice 2008)
- Großhirntod-Konzept — nicht etablierter Minderheitsvorschlag (Veatch)
Alle drei sind Subklassen des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls — sie unterscheiden sich darin, welche Hirnregionen von der Diagnose erfasst sein müssen.
Historischer Bruchpunkt: Harvard 1968
Das Ad Hoc Committee der Harvard Medical School schlug 1968 in JAMA 205, 337–340 das irreversible Koma als neues Todeskriterium vor — mit explizitem Verweis auf die Beatmungsmedizin und den Transplantationsbedarf. Hans Jonas reagierte 1968/1970 unmittelbar mit der Verzweckungs-Kritik (Gegen den Strom): Die Umdefinition diene der Verfügbarmachung von Spenderorganen.
Der Uniform Determination of Death Act (UDDA, 1981) kodifizierte das Konzept rechtlich in den USA. Deutschland folgte mit dem TPG (1997) und der ersten BÄK-Hirntod-Richtlinie. In der vierten Fortschreibung 2015 nahm die BÄK die terminologische Korrektur vor — seither heißt es offiziell „irreversibler Hirnfunktionsausfall”, nicht mehr „Hirntod” — um die missverständliche Gleichsetzung von Funktionsausfall und Tod zu vermeiden.
Diagnostik
Die Feststellung des Hirntodkriteriums erfolgt über klinische und apparative Irreversibilitäts-Nachweisverfahren: Apnoetest, Prüfung der Hirnstammreflexe, Beobachtungszeiträume zwischen den Untersuchungen und gegebenenfalls EEG-Nulllinie, transkranielle Doppler-Sonographie, zerebrale Angiographie oder Perfusionsszintigraphie.
Empirische Krise: Hypothalamus-Restfunktion
Bei einem signifikanten Anteil klinisch hirntot diagnostizierter Patienten persistiert die hypothalamisch-hypophysäre Funktion (insbesondere ADH-Sekretion und Osmoregulation). Damit ist die UDDA-Forderung „irreversible cessation of all functions of the entire brain” empirisch nicht erfüllt — Ankerpunkt der gescheiterten UDDA-Revisionsdebatte 2021–2023.
Substanzontologische Position
Aus der hier vertretenen Position sind alle drei Hirntodkonzepte nicht mit dem sicheren Tod gleichzusetzen: Sie betreffen die DeuteraEnergeia (Funktionsausübung), nicht die ProteEnergeia (Personsein als solches). Solange der Organismus durch maschinelle Lebenserhaltung weiter integriert ist, lebt die Person — ihre Würde bleibt unverlierbar.
Ontologische Einordnung
Oberklasse: Todeskriterium
Verbunden mit: Irreversibler Hirnfunktionsausfall, Apnoetest, Hypothalamus-Restfunktion, Vorsichtsprinzip
Quellenangaben
- Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School (1968): A Definition of Irreversible Coma. JAMA 205(6): 337–340.
- Bernat, James L.; Culver, Charles M.; Gert, Bernard (1981): On the definition and criterion of death. Annals of Internal Medicine 94(3): 389–394.
- Bernat, James L. (2019): Refinements in the Organism as a Whole Rationale for Brain Death. Linacre Quarterly 86. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6880069/
- Capron, Alexander M. (2001): Brain Death — Well Settled yet Still Unresolved. NEJM 344(16): 1244–1246.
- President’s Council on Bioethics (2008): Controversies in the Determination of Death. https://bioethicsarchive.georgetown.edu/pcbe/reports/death/
- Greer, David M. et al. (2020): Determination of Brain Death/Death by Neurologic Criteria. The World Brain Death Project. JAMA 324(11): 1078–1097. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2769149
- Bundesärztekammer (2022): Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls — 5. Fortschreibung. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Medizin_und_Ethik/RichtlinieIHA_FuenfteFortschreibung.pdf
- Academy of Medical Royal Colleges (2008/2025): A Code of Practice for the Diagnosis and Confirmation of Death. London: AoMRC.
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.