Die Trauer ist die affektive Antwort auf einen erfahrenen Verlust. Sie bezeugt die Werthaftigkeit des Verlorenen und ist Ausdruck personaler Tiefe. Wie verläuft sie? Drei Modelle prägen die internationale Diskussion seit den 1960er-Jahren — mit sehr unterschiedlicher empirischer Tragfähigkeit.
Bowlby-Parkes-Phasenmodell (1972/1980)
John Bowlby (Loss: Sadness and Depression, 1980) und Colin Murray Parkes (Bereavement, 1972) haben aus der Bindungstheorie heraus vier Phasen der Trauer beschrieben:
- Betäubung — die unmittelbare Antwort auf den Verlust, oft Stunden bis Tage
- Sehnsucht und Suche — Hoffnung auf Wiederkehr, gedankliches Festhalten an der verlorenen Person
- Desorganisation und Verzweiflung — Zerfall der bisherigen Lebensstruktur
- Reorganisation — Aufbau einer neuen Lebensstruktur, in der die verlorene Person erinnert, aber nicht mehr gesucht wird
Zentral: Die Phasen sind in der Bindungstheorie theoretisch fundiert (anders als reine Beobachtungsmodelle) und werden nicht-linear durchlaufen. Trauernde bewegen sich zwischen den Phasen vor und zurück.
Worden-Aufgabenmodell (1982/2009)
J. William Worden hat in Grief Counseling and Grief Therapy (1. Aufl. 1982, 4. Aufl. 2009) den Akzent vom Phasen-Erleben auf das aktive Tun verlagert. Statt Stufen formuliert er vier Aufgaben der Trauer:
- Den Verlust als real anerkennen
- Den Schmerz des Verlusts durcharbeiten
- Sich in einer Welt ohne die verlorene Person einrichten
- Eine bleibende Verbindung mit der verlorenen Person finden, die das Weiterleben erlaubt
Zentral: Der Trauernde ist aktiv, nicht passiver Durchgangspunkt. Aufgaben können in unterschiedlicher Reihenfolge bearbeitet werden, einige bleiben lebenslang offen.
Kübler-Ross-Modell (1969) — historisch wichtig, wissenschaftlich kritisiert
Elisabeth Kübler-Ross hat in On Death and Dying (1969) ein Modell mit fünf Stufen formuliert, das im populären Diskurs zum Synonym für „Trauerphasen” wurde:
- Verleugnung (Denial)
- Wut (Anger)
- Verhandeln (Bargaining)
- Depression
- Akzeptanz (Acceptance)
Wichtig: ursprünglich für Sterbende, nicht für Trauernde
Kübler-Ross hat ihre Stufen aus qualitativen Interviews mit sterbenden Patientinnen und Patienten gewonnen — nicht aus Forschung mit Hinterbliebenen. Die Ausdehnung des Modells auf Trauernde erfolgte später und war nicht Teil der ursprünglichen Forschung.
Wissenschaftliche Kritik
Mehrere systematische Befunde stellen das Modell in Frage:
Wortman/Silver (1989), J Consult Clin Psychol — frühe empirische Kritik: Nicht alle Trauernden erreichen ein Stadium der Akzeptanz, das Fehlen von Verleugnung ist kein pathologisches Zeichen, das emotionale Wohlbefinden oszilliert eher, als dass es linear progrediert.
Stroebe / Schut / Boerner (2017), Omega — Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief: Systematischer Befund — das Kübler-Ross-Modell ist empirisch nicht hinreichend gestützt, weder für Sterbende noch für Trauernde. In der Anwendung wird es häufig präskriptiv missverstanden: Trauernde fühlen sich unter Druck gesetzt, „die Stufen richtig zu durchlaufen”, und Pflegende interpretieren Abweichungen als Pathologie. Beide Wirkungen schaden.
Was bleibt
Historisch hat das Modell den medizinischen und gesellschaftlichen Diskurs geöffnet — Sterben und Trauer wurden zu legitimen Themen. Wissenschaftlich wird es heute durch theoretisch fundierte Modelle (Bowlby-Parkes) und aufgabenorientierte Modelle (Worden) ergänzt oder ersetzt.
Position der Ontologie
Die hier vertretene Ontologie ordnet die drei Modelle differenziert ein:
- Worden und Bowlby-Parkes: mit dem Vorsichtsprinzip vereinbar (eingeschränkt) — sie respektieren die individuelle Trauerwirklichkeit
- Kübler-Ross: unter dem Vorsichtsprinzip problematisch — die präskriptive Anwendung kann Trauernden schaden
Das Vorsichtsprinzip wirkt damit nicht nur in der Todesfeststellung (vgl. DCD, IHA), sondern auch in der Trauerbegleitung: Wo wissenschaftliche Sicherheit fehlt, gilt Zurückhaltung in der Festlegung dessen, was die Trauernde durchlaufen „soll”.
Personalontologische Pointe
Die Trauer als affektive Antwort gehört zur personalen Tiefe der Beziehung — sie ist nicht Symptom, sondern Bezeugung. Wer trauert, bezeugt den objektiven Wert der verlorenen Person. Trauerbegleitung, die das ernst nimmt, behandelt Trauer nicht als zu „durcharbeitendes” Verhalten, sondern begleitet die Person, die in der Trauer ihrer Liebe Ausdruck gibt.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Sachverhalt (Modelle), Trauer (affektive Antwort)
Ontologische Beziehungen:
- vereinbar mit Vorsichtsprinzip (eingeschränkt): Worden, Bowlby-Parkes
- problematisch unter Vorsichtsprinzip: Kübler-Ross (präskriptive Anwendung)
- begründet personalontologisch: Trauer als Bezeugung des objektiven Werts der verlorenen Person
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?
Quellenangaben
Primärquellen der drei Modelle
- Bowlby, John (1980): Attachment and Loss, Vol. 3: Loss: Sadness and Depression. New York: Basic Books. Begründung der bindungstheoretisch fundierten Trauerphasen.
- Parkes, Colin Murray (1972): Bereavement: Studies of Grief in Adult Life. London: Tavistock Publications. Empirische Ausarbeitung des Phasenmodells.
- Worden, J. William (2009): Grief Counseling and Grief Therapy: A Handbook for the Mental Health Practitioner (4. Aufl.). New York: Springer Publishing. Vier-Aufgaben-Modell.
- Kübler-Ross, Elisabeth (1969): On Death and Dying. New York: Macmillan. Ursprüngliche Formulierung des Fünf-Stufen-Modells für Sterbende.
Wissenschaftliche Kritik des Stufenmodells
- Wortman, Camille B.; Silver, Roxane Cohen (1989): The myths of coping with loss. Journal of Consulting and Clinical Psychology 57(3): 349—357. Frühe systematische Kritik.
- Stroebe, Margaret; Schut, Henk; Boerner, Kathrin (2017): Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief. OMEGA — Journal of Death and Dying 74(4): 455—473. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5375020/
- Avis, Kerry A.; Stroebe, Margaret; Schut, Henk (2021): Stages of Grief Portrayed on the Internet: A Systematic Analysis and Critical Appraisal. Frontiers in Psychology 12: 772696. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2021.772696/full
Ergänzende theoretische Modelle
- Stroebe, Margaret S.; Schut, Henk (1999): The dual process model of coping with bereavement: Rationale and description. Death Studies 23(3): 197—224. Duales Prozessmodell der Trauerbewältigung.
- Bonanno, George A. (2004): Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist 59(1): 20—28. Resilienz als unterschätzte Norm.
Personontologischer Bezug
- Bexten, Raphael E. (2017): Was ist menschliches Personsein?. Eichstätt-Ingolstadt, Diss. — Zur Trauer als affektiver Antwort auf einen objektiven Wert (Klasse Trauer als IntentionalesGefuehl).
Siehe auch
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.