Ein Gefühl, das auf einen Gegenstand oder Wert gerichtet ist. Intentionale Gefühle sind Wertantworten — sie antworten auf die objektive Werthaftigkeit des Gegebenen (vgl. Bexten 2017, S. 215 ff.). Beispiele sind Ehrfurcht, Dankbarkeit, Empörung und Trauer über einen Verlust.
Hildebrand unterscheidet scharf zwischen intentionalen Gefühlen und bloßen Zuständen (states). Ein Stimmungsgefühl (etwa Mattigkeit oder Gereiztheit) hat keinen intentionalen Gegenstand. Das intentionale Gefühl hingegen ist wesentlich auf ein Objekt gerichtet. Man trauert über etwas, man freut sich an etwas, man empört sich über eine Ungerechtigkeit.
Diese Gerichtetheit (Intentionalität) macht das intentionale Gefühl zu einer echten Form der Erkenntnis. Es erschließt die Wertdimension der Wirklichkeit in einer Weise, die dem rein theoretischen Verstand verschlossen bleibt.
Die Affektivität als das “Herz” der Person ist das Organ, durch das intentionale Gefühle vollzogen werden. Hildebrand spricht vom geistigen Herzen als dem Zentrum der Werterfassung. Die intentionalen Gefühle gehören zur zweiten Dimension des Personseins — zum aktualen Vollzug personaler Akte — und sind als personale Akte der Person zurechenbar.
Die Ontologie ordnet dem intentionalen Gefühl mehrere Unterbegriffe zu: Ehrfurcht, Freude, Reue, Scham und Trauer. Jedes dieser Gefühle ist eine spezifische Antwort auf einen bestimmten Wertaspekt. Die Ehrfurcht antwortet auf die Erhabenheit des Seienden, die Reue auf die eigene sittliche Verfehlung, die Scham auf die Entblößung der Innerlichkeit, die Trauer auf den Verlust eines Wertvollen.
Die Unterscheidung zwischen intentionalem Gefühl und bloßer Passion (Leidenschaft) ist ethisch entscheidend. Die Passion überwältigt die Person gleichsam und bestimmt sie von außen. Das intentionale Gefühl hingegen ist ein freier, wenn auch nicht willkürlich hervorrufbarer Akt der Person. Die adäquate intentionale Gefühlsantwort — etwa Trauer über einen wirklichen Verlust — ist sittlich gefordert. Die inadäquate — etwa Schadenfreude — ist sittlich verwerflich.
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Personaler Akt
- Unterbegriffe: Ehrfurcht, Freude, Reue, Scham, Trauer
- Domäne von: istAffektiveAntwortAuf
- Bereich von: empfindet
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 262–263 (Hildebrand: intentionale Gefühle).
Weitere Quellen:
- Dietrich von Hildebrand: Ethik (1973). In: Gesammelte Werke, Bd. II. Regensburg: Habbel. (Unterscheidung intentionaler Gefühle von bloßen Zuständen und Passionen)