2.7 Verschiedene Arten von Erfahrung
Um das bisherige noch deutlicher zu machen, muss ein verbreitetes Missverständnis ausgeräumt werden. Viele Menschen verstehen unter „Erfahrung“ nur das, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen: Was ich sehe, höre, taste, rieche, schmecke — das ist Erfahrung. Alles andere sei Spekulation.
Aber das ist zu eng gedacht. Tatsächlich gibt es grundverschiedene Arten von Erfahrung, und es ist wichtig, sie sorgfältig zu unterscheiden.
2.7.1 a) Sinneserfahrung
Das ist die Erfahrung, die durch unsere äußeren Sinne zustande kommt. Wir sehen, dass der Himmel blau ist. Wir hören, dass ein Vogel singt. Wir schmecken, dass der Kaffee bitter ist.
Sinneserfahrung bezieht sich auf einzelne, hier und jetzt vorhandene Dinge und Ereignisse. Sie sagt uns: So ist es gerade, an diesem Ort, zu dieser Zeit. Aber sie sagt uns nicht, ob es so sein muss. Dass der Himmel blau ist, ist eine Tatsache. Aber er könnte auch grau sein. Es handelt sich um eine zufällige Tatsache, nicht um eine notwendige Wahrheit.
Aus Sinneserfahrung allein können wir keine streng allgemeinen und notwendigen Wahrheiten gewinnen. Wir können Regelmäßigkeiten beobachten, wir können Wahrscheinlichkeiten ableiten, aber keine Notwendigkeiten. Das ist keine Schwäche der Sinneserfahrung — es ist einfach nicht ihre Aufgabe. Wenn jemand tausend weiße Schwäne beobachtet hat, kann er daraus nicht mit Sicherheit schließen, dass alle Schwäne weiß sind. Es könnte immer noch einen schwarzen Schwan geben. Die Sinneserfahrung liefert einzelne Tatsachen, keine allgemeinen Wesenswahrheiten.
2.7.2 b) Geistige Erfahrung — das Erkennen von Wesenheiten
Es gibt aber eine ganz andere Art von Erfahrung: die Erfahrung des Geistes. Gemeint ist damit das, was wir tun, wenn wir das Wesen einer Sache erfassen.
Wenn Sie verstehen, dass eine Farbe nicht ohne eine Ausdehnung existieren kann, dann haben Sie nicht etwas mit den Augen gesehen. Sie haben mit dem Verstand etwas eingesehen. Sie haben eine Wesenheit erfasst — nämlich die wesenhafte Zusammengehörigkeit von Farbe und Ausdehnung.
Dieses Erfassen von Wesenheiten ist eine eigene Art der Erfahrung. Sie ist nicht weniger wirklich als die Sinneserfahrung. Sie ist sogar in einem bestimmten Sinn sicherer: Denn was die Sinne uns zeigen, könnte immer auch anders sein. Aber was wir als wesensnotwendig einsehen, kann nicht anders sein.
Dietrich von Hildebrand (1889—1977) hat diesen Unterschied so formuliert: „Es gibt also zwei völlig verschiedene Begriffe von Erfahrung. Der eine bezieht sich auf die Beobachtung einzelner realer Seiender und auf Induktion. Der andere meint jene konkrete Erschließung eines Soseins.”1 Die erste Art liefert uns Tatsachen, die zweite erschließt uns Wesenheiten.
Das ist weder Spekulation noch bloßes Theoretisieren. Es ist eine unmittelbare Berührung des Geistes mit dem Wesen einer Sache. Conrad-Martius hat es so beschrieben: „Die Welt in all ihren realen und idealen Beständen ist voller Sinn. Wesensforschung treiben heißt jedes Seiende — alles was es gibt — nach seinem ihm immanenten Wesen und Sinn aufbrechen.”2
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