Esse intentionale ist die scholastische Bezeichnung für die Seinsweise, in der die Form eines Gegenstandes im erkennenden Geist existiert. Wenn der Mensch ein Pferd denkt, existiert die Form des Pferdes intentional in seinem Geist — ohne ihre natürliche Existenz im Pferd zu duplizieren. Thomas von Aquin entwickelt diese Lehre in der Summa theologiae I, q. 84–85, und im Kommentar zu Aristoteles’ De anima: Die Sinne und der Intellekt nehmen die Form der Dinge auf — spiritualiter et immaterialiter, geistig und ohne Materie.
Der Gegenbegriff ist esse naturale, die natürliche Existenz desselben Dings außerhalb des Geistes. Das Pferd auf der Wiese hat esse naturale, die Form des gedachten Pferdes hat esse intentionale. Erkenntnis ist möglich, weil dieselbe Form in zwei Seinsweisen existieren kann — in der Wirklichkeit und im Geist. Diese Identität-in-der-Form macht aus, dass Gedanken auf die Welt gerichtet sind: Was im Geist existiert, ist nicht eine Kopie, sondern die Form selbst, nun in einer anderen Seinsweise.
Aus der scholastischen Lehre vom esse intentionale hat Franz Brentano (1874) den modernen Begriff der Intentionalität gewonnen. Der Bezug auf Aristoteles und die mittelalterliche intentio steht hinter Brentanos These, dass das Mentale durch Gerichtetsein-auf-etwas charakterisiert sei. Husserl und Edith Stein haben diese Linie phänomenologisch fortgeführt.
Die Lehre vom esse intentionale ist auch der Schlüssel zur Unterscheidung von originärer und abgeleiteter Intentionalität: Nur ein Geist, der die Form aufnimmt, hat originäre Intentionalität. Ein Computer, der Symbole manipuliert, enthält keine Form im Sinne von esse intentionale — er produziert nur Marken, die für uns Form sind.
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Seinsmodus; Gegenbegriff: esse naturale.
Quellenangaben: Bexten 2017, S. 38–45 (Form, Materie und Erkenntnis).
Weitere Quellen:
- Thomas von Aquin: Summa theologiae I, qq. 84–85; Sentencia libri De anima, lib. III.
- Brentano, Franz (1874): Psychologie vom empirischen Standpunkt. Leipzig: Duncker & Humblot.
- Hervaeus Natalis: De secundis intentionibus. Paris ca. 1300.
Siehe auch
- Esse naturale
- Erste Intention
- Zweite Intention
- Intentionalität
- Originäre Intentionalität
- Form
- Erkenntnis
- Thomas von Aquin
- Franz Brentano
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.