René Descartes (1596—1650)

René Descartes steht im Buch nicht als direkte Gegenposition, sondern als die philosophische Weichenstellung, die alle späteren Formen der Personvergessenheit ermöglicht hat. Seine Zweiteilung der Wirklichkeit in res cogitans und res extensa ist die Wurzel der neuzeitlichen Aufspaltung von Mensch und Person.

Schlüsselbeitrag

Descartes teilt die gesamte Wirklichkeit in zwei Bereiche: res cogitans (denkende Substanz, Geist) und res extensa (ausgedehnte Substanz, Körper). Der Mensch ist für Descartes im Grunde ein denkendes Wesen, das einen Körper hat — nicht ein leib-seelisches Einheitswesen, das zugleich geistig und körperlich ist. Diese Zweiteilung hat, wie Spaemann zeigt, weitreichende Folgen für den Personbegriff: Wenn der Mensch in Geist und Körper zerfällt, kann die Person nur noch auf der Seite des Geistes — des aktualen Bewusstseins — gesucht werden (vgl. Bexten 2017, S. 220 ff.).

Zentrale Ideen im Buch

Wurzel der Personvergessenheit

Spaemann benennt Descartes’ Dualismus als wesentlichen Grund der Personvergessenheit: Wenn die Wirklichkeit in Bewusstsein und Materie zerfällt, gibt es keinen Ort mehr für die Person als Leib-Seele-Einheit. Die Person wird entweder zum reinen Bewusstsein (und verliert ihren Leib) oder zum bloßen Körper (und verliert ihre Seele). Beide Reduktionen verfehlen, was die Person ist: ein einheitliches Wesen, das zugleich geistig und leiblich ist.

Ermöglichung des Funktionalismus

Descartes’ Dualismus macht den empirisch-funktionalistischen Personbegriff erst möglich: Wenn die Person auf der Seite des Bewusstseins steht, dann ist sie Person genau dann, wenn sie (aktual) denkt. Locke zieht diese Konsequenz: Person = denkendes Wesen mit Selbstbewusstsein. Parfit radikalisiert: Person ist nur ein Epiphänomen psychischer Prozesse. Singer wendet an: Nicht alle Menschen sind Personen.

Verlust der Leib-Seele-Einheit

Die aristotelisch-thomistische Tradition (Aristoteles, Thomas von Aquin) versteht den Menschen als eine Einheit aus Form und Stoff, in der die Seele die Form des Leibes ist. Descartes zerstört diese Einheit: Geist und Körper sind für ihn zwei verschiedene Substanzen, die äußerlich verbunden sind. Damit geht verloren, was für die Personontologie wesentlich ist: dass der ganze Mensch — mit Leib und Seele — Person ist, nicht nur sein Bewusstsein.

Stellung im Buch

Descartes wird vor allem im Kapitel Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? als philosophiegeschichtliche Ursache der neuzeitlichen Personvergessenheit analysiert. Seine Position bildet den Hintergrund, vor dem die substanzontologische Alternative (Boëthius, Thomas, Conrad-Martius) umso deutlicher hervortritt.

Siehe auch