Die Erfahrung ist in der Phänomenologie kein bloß empirischer Begriff (im Sinne der Naturwissenschaften), sondern jeder unmittelbare Zugang zum Gegebenen — zu dem, was sich der Person selbst zeigt. Sie ist die Grundlage aller Wesenserkenntnis (vgl. Hildebrand, Was ist Philosophie?; Husserl, Logische Untersuchungen II) und die Voraussetzung, ohne die keine Personalontologie möglich wäre.

Arten der Erfahrung

Die phänomenologische Tradition unterscheidet mehrere Arten von Erfahrung, die nicht aufeinander reduzierbar sind:

Sinnliche Erfahrung: Wahrnehmung der äußeren Welt durch die fünf Sinne. Hier zeigen sich Farben, Töne, Gerüche, Tastqualitäten, Geschmäcker — die Aisthetik im klassischen Sinn. Diese Erfahrung ist immer schon perspektivisch, leiblich verfasst und auf eine Welt bezogen.

Geistige Erfahrung: Unmittelbarer Zugang zu nicht-sinnlichen Gegenständen — Wesensstrukturen, Werten, Wahrheiten, mathematischen Verhältnissen, sittlichen Forderungen. Hildebrand spricht hier von der Wesensschau als geistige Erfassung dessen, was eine Sache ist.

Sittlich-ethische Erfahrung: Die unmittelbare Erfahrung des sittlichen Wertes einer Person, einer Handlung, einer Situation. Wojtyła hat in Person und Tat gezeigt, wie der sittliche Akt nicht abgeleitet, sondern erlebt wird — die Person erfährt sich im sittlichen Akt als sich selbst aktualisierend.

Personale Erfahrung: Die Erfahrung eines anderen Jemand in der Begegnung. Sie ist unmittelbar (nicht erschlossen aus äußeren Anzeichen) und konstitutiv für jede Personalontologie. Vgl. Einfühlung (Edith Stein).

Religiöse Erfahrung: Die Erfahrung des Heiligen, der Transzendenz, der Begegnung mit dem absoluten Du. Otto, Stein, Balthasar haben sie phänomenologisch beschrieben.

Methodologische Bedeutung

Die phänomenologische Methode geht von der Erfahrung aus, nicht von Theorien oder vorgefassten Begriffen. Edmund Husserls Maxime „Zu den Sachen selbst!” fordert: Vor jeder Theoriebildung steht der unmittelbare Zugang zum Gegebenen, das Sehen-was-da-ist.

Daraus folgt eine wichtige Differenz zur empiristischen Tradition: Der Empirismus (Locke, Hume) reduziert Erfahrung auf sinnliche Eindrücke und konstruiert alles Höhere aus Komposition. Die Phänomenologie hingegen anerkennt mehrere irreduzible Arten der Erfahrung, von denen jede ihren eigenen Zugang zu ihrem eigenen Gegenstandsbereich hat.

Lebenswelt-Bezug

Edmund Husserl hat in der Krisis-Schrift (1936) die Bedeutung der vorwissenschaftlichen Erfahrung für jede Wissenschaft herausgearbeitet: Die Lebenswelt mit ihrer qualitativen, sinnhaften, leiblich verfassten Erfahrung ist die Grundlage, aus der die Wissenschaften ihre Abstraktionen gewinnen. Der Szientismus vergisst diese Lebenswelt und führt zu jener Personvergessenheit, die die hier vertretene Ontologie überwinden will.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Erkenntnis (im weiten Sinn)

Unterklassen:

Verwandte Begriffe:

Kapitelzuordnung: Kapitel 2: Phänomenologische Methode

Quellenangaben

  • Husserl, Edmund (1900/1901): Logische Untersuchungen, II. Halle: Niemeyer.
  • Husserl, Edmund (1936): Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Den Haag: Nijhoff.
  • Hildebrand, Dietrich von (1976): Was ist Philosophie?. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Stein, Edith (1917): Zum Problem der Einfühlung. Halle: Buchdruckerei des Waisenhauses.
  • Wojtyła, Karol (1969): Osoba i czyn (dt. Person und Tat, 1981). Freiburg: Herder.

Siehe auch


Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.