Die Duhem-Quine-These besagt, dass empirische Beobachtungen nie einzelne Hypothesen isoliert prüfen, sondern stets ganze Theoriensysteme mitsamt ihren Hilfshypothesen. Kein Experiment kann eine einzelne Hypothese eindeutig widerlegen — ein Widerspruch zwischen Theorie und Beobachtung zeigt nur, dass mindestens eine Annahme im System falsch ist, aber nicht welche.

Diese These hat weitreichende Konsequenzen für die Frage, ob die Naturwissenschaft die einzige oder paradigmatische Form von Erkenntnis sein kann.

Duhems Holismus (1906)

Pierre Duhem zeigt in La Théorie physique: son objet, sa structure (1906), dass der Physiker „niemals eine isolierte Hypothese der Kontrolle durch Erfahrung unterwerfen kann, sondern nur einen ganzen Satz von Hypothesen.” Ein experimenteller Widerspruch lehrt nur, dass mindestens eine Hypothese des Systems unakzeptabel ist — welche revidiert wird, entscheidet der bon sens (die praktische Vernunft), nicht die Beobachtung allein.

Duhem begrenzt diese These auf die physikalische Theorie. Seine Position ist zugleich eine Verteidigung der Autonomie der Naturwissenschaft: Die Physik ist ein eigenständiges Unternehmen, das metaphysische Fragen weder beantworten muss noch kann.

Quines Radikalisierung (1951)

Willard Van Orman Quine radikalisiert Duhems These in Two Dogmas of Empiricism (1951) zum universalen Holismus aller Erkenntnis: Nicht nur physikalische Theorien, sondern die Gesamtheit menschlichen Wissens bildet ein Netz, „das die Erfahrung nur an den Rändern berührt.” Quine verwirft damit zwei Grundpfeiler des Logischen Positivismus:

  1. Die analytisch-synthetische Unterscheidung: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen Tatsachenwahrheiten und begrifflichen Wahrheiten.
  2. Den Reduktionismus: Einzelne Aussagen lassen sich nicht isoliert auf Erfahrung zurückführen.

Eine Konfrontation mit Erfahrung erzwingt nicht die Aufgabe bestimmter Sätze, sondern nur eine Umordnung des gesamten Wissensgefüges.

Konsequenzen für den Falsifikationismus

Die Duhem-Quine-These untergräbt den naiven Falsifikationismus Karl Poppers: Die Idee eines „entscheidenden Experiments”, das eine Theorie eindeutig widerlegt, erweist sich als Idealisierung. In der Praxis kann man immer Hilfshypothesen revidieren, um eine bevorzugte Theorie zu bewahren.

Das macht Wissenschaft nicht willkürlich, aber es zeigt: Die Entscheidung, welche Hypothese aufgegeben wird, erfordert ein Urteil, das über das rein Empirische hinausgeht — ein Urteil, das auf nicht-empirischen Kriterien wie Einfachheit, Kohärenz und Fruchtbarkeit beruht.

Bedeutung für die Naturalismus-Kritik

Die Duhem-Quine-These widerspricht dem Szientismus auf einer grundsätzlichen Ebene:

  1. Wenn keine Theorie durch reine Empirie allein bestätigt oder widerlegt werden kann, dann ist auch die szientistische These „nur empirisches Wissen ist echtes Wissen” selbst nicht rein empirisch begründbar — sie setzt philosophische Voraussetzungen voraus.

  2. Der bon sens (Duhem) bzw. die Kohärenzkriterien (Quine) sind keine empirischen Befunde, sondern Ausdruck jener Rationalität, die die Person als geistiges Wesen auszeichnet. Die Wissenschaft lebt von einer Urteilskraft, die sich der naturwissenschaftlichen Methode selbst entzieht.

  3. Die These bestätigt die Architektur der Personsein-Ontologie: Die Philosophie — als Reflexion auf die Voraussetzungen der Wissenschaft — geht der Naturwissenschaft ontologisch voraus.

Plantinga nutzt Duhems Autonomie-Gedanken: Duhemian Science — empirische Forschung auf gemeinsamen methodischen Grundlagen — ist unabhängig von metaphysischen Überzeugungen möglich. Aber die Deutung der Ergebnisse erfordert einen philosophischen Rahmen.

Ontologische Einordnung

Oberbegriffe: Wissenschaft

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 2: Methode

Siehe auch

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 44–47, 208 (Wissenschaftsbegriff und Methodenfrage).

Weitere Quellen:

  • Duhem, Pierre (1906): La Théorie physique: son objet, sa structure. Paris: Chevalier & Rivière. — Dt.: Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Übers. F. Adler, Vorwort E. Mach. Leipzig: Barth, 1908. Nachdruck: Hamburg: Meiner (PhB 477), 1998.
  • Quine, Willard Van Orman (1951): „Two Dogmas of Empiricism”. In: The Philosophical Review 60(1), S. 20–43.
  • Harding, Sandra G. (Hrsg.) (1976): Can Theories Be Refuted? Essays on the Duhem-Quine Thesis. Synthese Library 81. Dordrecht: Reidel.
  • Plantinga, Alvin (2011): Where the Conflict Really Lies: Science, Religion, and Naturalism. New York: Oxford University Press.