Die DCD-Herzspende ist die Donation after Circulatory Death des Herzens — substanzontologisch und ethisch die paradigmatisch problematische DCD-Variante.
Drei Gründe machen sie zur schärfsten Form der DCD-Diskussion:
Erstens: Das Herz ist ein strikt unpaariges Organ. Eine Lebendspende ist nicht möglich — die ganze ethische Last fällt auf die postmortale Spende.
Zweitens: Nach dem Permanenz-Standard wird ein Herz transplantiert, dessen Funktion nach der Transplantation im Empfänger wieder aufgenommen wird. Kritiker (Bernat, Veatch) werten diesen Befund als selbstwidersprechend: Wenn das Herz seine Funktion wieder aufnehmen kann, war seine Funktion offenbar nicht im substanzontologisch starken Sinn beendet.
Drittens: Die NRP-Variante — besonders die thoracoabdominale NRP (TA-NRP) — verstärkt die Problematik durch zusätzliche kausale Eingriffe (Aortenbogen-Klemmung).
Internationale Praxis
Die DCD-Herzspende wird derzeit in 9 Ländern weltweit praktiziert: Australien, Belgien, Italien, Niederlande, Österreich, Spanien, Schweiz, Vereinigtes Königreich, USA.
Die Schweiz hat die DCD-Herzspende 2023 als reguläre Praxis eingeführt. In den USA waren 2025 bereits 24 Prozent aller Herzspenden DCD — eine rasant wachsende Zahl seit der ersten erfolgreichen DCD-Herztransplantation 2014 (Australien).
Selbstwidersprechende Logik?
Die zentrale Spannung der DCD-Herzspende lässt sich präzise formulieren:
- Der Permanenz-Standard erklärt das Herz nach 5 Minuten Asystolie für „nicht mehr zurückkehrend”.
- Das Herz wird entnommen.
- Das Herz wird im Empfänger reaktiviert — es nimmt seine Schlagfunktion wieder auf.
- Wenn das Herz nach Reaktivierung wieder schlägt: Wie konnte es vorher als „nicht mehr zurückkehrend” erklärt werden?
Verteidiger der DCD-Herzspende (Truog 2024, Hastings Center Report) argumentieren, dass die Permanenz nicht eine Eigenschaft des Organs ist, sondern eine Eigenschaft im Kontext der spezifischen Person: Im Spender wäre das Herz nicht zurückgekehrt (weil keine Reanimation versucht wurde), im Empfänger schlägt es wieder.
Kritiker (James Bernat, Robert Veatch, Don Marquis) halten dem entgegen, dass die Funktionsfähigkeit des Organs im Spender bestand — sonst könnte sie auch im Empfänger nicht reaktiviert werden. Die Permanenz ist damit eine Setzung, keine ontologische Tatsache.
Substanzontologische Position
Die hier vertretene Personontologie ordnet die DCD-Herzspende als schärfste DCD-Variante ein: Sie verletzt sowohl die Dead Donor Rule als auch die Personalistische Norm potentiell.
Die Begründung: Wenn die Permanenz des Kreislaufstillstands substanzontologisch nicht hinreichend für den sicheren Tod ist, und das Herz die Funktion nach Transplantation wieder aufnehmen kann, dann verletzt die DCD-Herzspende potentiell die Dead Donor Rule. Bei strikt unparigen Organen ist diese Verletzung strukturell unausweichlich, weil keine Lebendspende-Alternative existiert.
Johannes Paul II. hat die Position lehramtlich vorgezeichnet (2000):
„Vital organs which occur singly in the body can be removed only after death, that is from the body of someone who is certainly dead.”
Bei der DCD-Herzspende ist diese Bedingung nach substanzontologischen Maßstäben nicht zweifelsfrei erfüllt — und genau hier setzt das Vorsichtsprinzip Benedikts XVI. an.
TA-NRP: doppelte Verschärfung
Bei der thoracoabdominalen NRP (TA-NRP) kommt hinzu, dass die Aortenbogen-Klemmung — als Schritt der Organentnahme — kausal todesverursachend wäre, falls die Person nicht definitiv tot ist. Das macht TA-NRP zur direkten (nicht nur potentiellen) Verletzung der DDR.
Das Vereinigte Königreich pausierte TA-NRP Ende 2020 aus genau dieser Sorge.
Ontologische Einordnung
Oberbegriff: DCD (Variante: DCD bei unparigen Organen)
Ontologische Beziehungen:
- Spezialfall der: DCD bei unparigen Organen
- verletzt potentiell: Dead Donor Rule, Personalistische Norm
- problematisch unter: Vorsichtsprinzip
- betrifft: unpaariges Organ (Herz)
- keine Alternative: Lebendspende strukturell ausgeschlossen
Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit, Kapitel 4: Personsein
Quellenangaben
Praxis und Statistik
- Joshi, Yashutosh; Wang, Katherine; MacLean, Campbell; Villanueva, Jeanette; Gao, Ling; Watson, Alasdair; Iyer, Arjun; Connellan, Mark; Granger, Emily; Jansz, Paul; Macdonald, Peter (2024): The Rapidly Evolving Landscape of DCD Heart Transplantation. Current Cardiology Reports 26: 1499—1507.
- Changes in Organ Donation after Circulatory Death in the United States (2025), PMC. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12947068/
- Swisstransplant (2023): Einführung der DCD-Herzspende in der Schweiz.
Ethische Diskussion
- Truog, Robert D. (2024): In Defense of Normothermic Regional Perfusion. Hastings Center Report 54(4): 24—31.
- Bernat, James L. (2013): Controversies in defining and determining death in critical care. Nature Reviews Neurology 9(3): 164—173.
- Veatch, Robert M.; Ross, Lainie F. (2016): Defining Death: The Case for Choice. Washington: Georgetown University Press.
- Marquis, Don (2010): Are DCD donors dead? Hastings Center Report 40(3): 24—31.
- Joffe, Ari R. et al. (2011): Donation after cardiocirculatory death: a call for a moratorium pending full public disclosure and fully informed consent. Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine 6: 17.
Lehramtliche Stützung
- Johannes Paul II. (2000): Ansprache an den XVIII. Internationalen Kongress der Transplantationsgesellschaft, Rom, 29. August 2000. https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/en/speeches/2000/jul-sep/documents/hf_jp-ii_spe_20000829_transplants.html
- Benedikt XVI. (2008): Ansprache an den Internationalen Kongress für Organspende, Rom, 7. November 2008.
Siehe auch
- Organspende nach Kreislaufstillstand (DCD)
- Unpaariges Organ
- Paariges Organ
- Lebendspende
- Normotherme Regionale Perfusion
- Dead Donor Rule
- Vorsichtsprinzip
- Permanenz und Irreversibilität
- Johannes Paul II.
- Benedikt XVI.
Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.