Elisabeth Kübler-Ross hat in ihrem Buch On Death and Dying (1969) ein Modell mit fünf Stufen formuliert, das im populären Diskurs zum Synonym für „Trauerphasen” wurde:

  1. Verleugnung (Denial)
  2. Wut (Anger)
  3. Verhandeln (Bargaining)
  4. Depression
  5. Akzeptanz (Acceptance)

Die Stufen werden im populären Verständnis oft als linearer Durchlauf wahrgenommen — ein Verständnis, das wissenschaftlich nicht haltbar ist und das Kübler-Ross selbst nicht so eng gemeint hatte.

Wichtig: ursprünglich für Sterbende, nicht für Trauernde

Kübler-Ross hat ihre Stufen aus qualitativen Interviews mit sterbenden Patientinnen und Patienten gewonnen — nicht aus Forschung mit Hinterbliebenen. Das Modell beschreibt die emotionale Reaktion auf den eigenen bevorstehenden Tod, nicht die Trauer um eine verlorene Person.

Die Ausdehnung des Modells auf Trauernde (Hinterbliebene) erfolgte später, populär seit den 1980er-Jahren, und war nicht Teil der ursprünglichen Forschung. Diese Verschiebung hat zu erheblichen Verwirrungen geführt: Trauerbegleiter und Pflegende wenden ein Modell auf Hinterbliebene an, das nie für sie validiert wurde.

Wissenschaftliche Kritik

Mehrere systematische Studien haben das Modell empirisch geprüft und Schwächen festgestellt:

Wortman, Camille B.; Silver, Roxane Cohen (1989): The myths of coping with loss. Journal of Consulting and Clinical Psychology 57(3): 349—357. Eine frühe systematische Kritik: Nicht alle Trauernden erreichen ein Stadium der Akzeptanz; das Fehlen einer Verleugnungsphase ist kein pathologisches Zeichen; das emotionale Wohlbefinden oszilliert eher, als dass es linear progrediert.

Stroebe, Margaret; Schut, Henk; Boerner, Kathrin (2017): Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief. OMEGA — Journal of Death and Dying 74(4): 455—473. Systematischer Befund: Das Kübler-Ross-Modell ist empirisch nicht hinreichend gestützt — weder für Sterbende noch für Trauernde. In der Anwendung wird es häufig präskriptiv missverstanden.

Maciejewski, Paul K.; Zhang, Baohui; Block, Susan D.; Prigerson, Holly G. (2007): An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA 297(7): 716—723. Eine empirische Studie, die zwar einige Übereinstimmungen mit den Stufen fand, die Reihenfolge aber nicht bestätigen konnte.

Schaden in der Anwendung

Die präskriptive Anwendung des Modells kann Trauernden schaden:

  • Erwartungsdruck: Trauernde fühlen sich unter Druck gesetzt, „die Stufen richtig zu durchlaufen”. Wer keine Wut empfindet oder nie verleugnet, fragt sich, ob er „falsch trauert”.
  • Pathologisierung: Pflegende und Therapeuten interpretieren Abweichungen vom Stufenmodell als Pathologie — obwohl die Abweichung der Normalfall ist.
  • Verkennung der Individualität: Jede Trauer ist die Antwort auf einen einmaligen Verlust einer einmaligen Person. Modelle, die einen einheitlichen Verlauf nahelegen, verkennen die Einmaligkeit der Trauerwirklichkeit.

Was bleibt

Historisch hat das Modell den medizinischen und gesellschaftlichen Diskurs geöffnet — Sterben und Trauer wurden zu legitimen Themen, die nicht mehr verdrängt wurden. Diese Öffnung ist Kübler-Ross’ bleibender Verdienst.

Wissenschaftlich wird das Modell heute durch theoretisch fundierte Modelle (Bowlby-Parkes, vgl. Trauer-Modelle) und aufgabenorientierte Modelle (Worden) ergänzt oder ersetzt. Diese Modelle respektieren die individuelle Trauerwirklichkeit und vermeiden den präskriptiven Charakter.

Position der Ontologie

Die Ontologie ordnet das Kübler-Ross-Modell als historisch wichtige, aber wissenschaftlich kritisierte Konzeption ein: es ist unter dem Vorsichtsprinzip problematisch.

Das Vorsichtsprinzip gilt damit nicht nur in der Todesfeststellung (vgl. DCD), sondern analog auch in der Trauerbegleitung: Wo wissenschaftliche Sicherheit fehlt, gilt Zurückhaltung in der Festlegung dessen, was Trauernde durchlaufen „sollen”. Modelle mit theoretischer Fundierung sind dem populären Stufenmodell vorzuziehen.

Ontologische Einordnung

Oberbegriff: Sachverhalt (psychologisches Modell)

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Quellenangaben

Primärquelle

  • Kübler-Ross, Elisabeth (1969): On Death and Dying. New York: Macmillan.

Wissenschaftliche Kritik

  • Wortman, Camille B.; Silver, Roxane Cohen (1989): The myths of coping with loss. Journal of Consulting and Clinical Psychology 57(3): 349—357.
  • Maciejewski, Paul K.; Zhang, Baohui; Block, Susan D.; Prigerson, Holly G. (2007): An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA 297(7): 716—723.
  • Stroebe, Margaret; Schut, Henk; Boerner, Kathrin (2017): Cautioning Health-Care Professionals: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief. OMEGA — Journal of Death and Dying 74(4): 455—473. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5375020/
  • Avis, Kerry A.; Stroebe, Margaret; Schut, Henk (2021): Stages of Grief Portrayed on the Internet: A Systematic Analysis and Critical Appraisal. Frontiers in Psychology 12: 772696.

Theoretisch fundierte Alternativmodelle

  • Bowlby, John (1980): Attachment and Loss, Vol. 3: Loss: Sadness and Depression. New York: Basic Books.
  • Worden, J. William (2009): Grief Counseling and Grief Therapy: A Handbook for the Mental Health Practitioner (4. Aufl.). New York: Springer.
  • Stroebe, Margaret S.; Schut, Henk (1999): The dual process model of coping with bereavement: Rationale and description. Death Studies 23(3): 197—224.

Siehe auch


Generiert via Abfrage aus der Personseins-Ontologie.