Das Prinzip der Totalität ist ein normatives Grundprinzip der medizinischen Ethik: Der Teil des Leibes ist auf das Ganze geordnet — doch die Person darf einen Teil zugunsten einer anderen Person opfern, sofern keine schwerwiegende Funktionsbeeinträchtigung beim Spender folgt.

Das Prinzip stammt aus der thomistischen Tradition (Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II, q. 65 a. 1), wurde von Pius XII. 1956 in seiner Ansprache an die Italienische Anaesthesie-Gesellschaft auf die Lebendspende angewandt und gilt seitdem als die lehramtliche Grundlage der katholischen Position zur Lebendspende.

Logik des Prinzips

Der Leib ist nach der substanzontologischen Position keine Ansammlung von Teilen, sondern ein organisches Ganzes — die Person in ihrer leiblichen Dimension. Damit gilt: Jeder Teil dient dem Ganzen. Die Hand ist auf den Leib geordnet, nicht umgekehrt.

Daraus folgt innerhalb des einzelnen Leibes ein Verbot der mutwilligen Verstümmelung: Niemand darf seinen eigenen Leib so behandeln, dass er das Ganze zugunsten eines Teils opfert.

Pius XII. ergänzt das Prinzip um die Dimension der interpersonalen Hingabe: Was zwischen den Teilen eines Leibes nicht zulässig ist (das Ganze einem Teil opfern), kann zwischen den Leibern zweier Personen zulässig sein — wenn:

  1. die Spenderin oder der Spender nicht stirbt und keine schwerwiegende Funktionsbeeinträchtigung erleidet,
  2. die Empfängerin oder der Empfänger einen proportionierten Nutzen erhält,
  3. die Spende freiwillig erfolgt.

Diese drei Bedingungen schließen die Instrumentalisierung des Spenders aus und machen die Spende zu einem Akt der Bejahung.

Anwendungsbereich

Das Prinzip der Totalität greift bei:

  • Paariger Organspende (Niere, Lunge-Lobus): Eine Niere reicht der spendenden Person; die Funktionsbeeinträchtigung ist nicht schwerwiegend.
  • Teilbarer Organspende (Teil-Leber, Teil-Pankreas): die Leber regeneriert; Spender-Risiko bleibt im erträglichen Rahmen.

Es greift nicht bei:

  • Strikt unpariger vollständiger Organspende (Herz, ganze Leber, ganze Lunge): Die Entnahme würde den Tod des Spenders bedeuten — die Bedingung “keine schwerwiegende Funktionsbeeinträchtigung” ist verletzt. Hier gilt: nur postmortale Spende ist zulässig (vgl. Johannes Paul II. 2000).

Die Differenzierung paarig/unparig (vgl. Lebendspende) ist also nicht ein bloß biologisches Detail, sondern unmittelbar aus dem Prinzip der Totalität ableitbar.

Verhältnis zur Personalistischen Norm

Das Prinzip der Totalität ist mit der Personalistischen Norm kompatibel und ergänzt sie:

  • Personalistische Norm: Die Person ist um ihrer selbst willen zu bejahen, nicht als Mittel zu gebrauchen.
  • Prinzip der Totalität: Der Teil des Leibes ist auf das Ganze geordnet; eine Spende ist zulässig, wenn das Ganze des Spenders nicht zerstört wird.

Beide Prinzipien zusammen erlauben die Lebendspende als genuinen Akt der Liebe — aber sie verbieten die vollständige unparige Spende vor dem sicheren Tod.

Erweiterung durch Johannes Paul II.

Johannes Paul II. hat in seiner Ansprache vor dem XVIII. Internationalen Kongress der Transplantationsgesellschaft (Rom, 29. August 2000) das Prinzip mit der personalontologischen Tiefe der Hingabe verbunden:

„It is not just a matter of giving away something that belongs to us but of giving something of ourselves.”

Die Lebendspende ist damit nicht nur Erfüllung des Totalitätsprinzips, sondern Ausdruck der Selbsttranszendenz der Person. Wer einen Teil des Leibes gibt, gibt nicht etwas, sondern sich selbst in einer leiblich-konkreten Form.

Ontologische Einordnung

Oberbegriffe: Normative Begründung, Norm

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Quellenangaben

Primärquellen

Sekundärliteratur zur Anwendung

  • Cronin, Daniel A. (1958): The Moral Law in Regard to the Ordinary and Extraordinary Means of Conserving Life. Diss. Pontificia Università Gregoriana, Rom. — Klassische Aufarbeitung der Pius-XII-Anwendung des Prinzips.
  • Henke, Donald E. (2005): A History of Ordinary and Extraordinary Means. The National Catholic Bioethics Quarterly 5(3): 555—575. https://www.pdcnet.org/ncbq/content/ncbq_2005_0005_0003_0555_0575
  • Pellegrino, Edmund D. (2008): The Moral Foundations of Living Organ Donation. — US-bioethische Reflexion auf das Prinzip.

Siehe auch