Eine theoretische Position, die die ontologische Eigenständigkeit des Menschen bestreitet und ihn als bloß eine Phase oder Variante intelligenter Systeme begreift. Der Posthumanismus ist eine Form der theoretischen Personvergessenheit — er verkennt nicht die Würde der Person durch Optimierungsphantasien (das tut der Transhumanismus), sondern indem er leugnet, dass es überhaupt eine spezifisch menschliche Natur gibt.

Posthumanismus und Transhumanismus — eine notwendige Unterscheidung

Transhumanismus und Posthumanismus werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber strukturell verschieden:

  • Der Transhumanismus ist zukunftsgerichtete Programmatik: Er hält die menschliche Natur für defizitär und will sie technologisch überwinden.
  • Der Posthumanismus ist deskriptive Anthropologie: Er bestreitet, dass es eine menschliche Natur als ontologisch eigenständige Größe überhaupt gibt. Der Mensch ist für den Posthumanismus nur eine kontingente Phase im Übergang zu anderen Formen verkörperter oder unverkörperter Intelligenz.

Beide Positionen treffen sich in der Ablehnung des klassisch-personalistischen Menschenbildes, gehen aber von verschiedenen Seiten an es heran. Der Transhumanismus akzeptiert noch, dass der Mensch etwas ist (nur eben verbesserungsbedürftig); der Posthumanismus bestreitet, dass der Mensch etwas Bestimmtes ist.

Warum der Posthumanismus das Personsein verkennt

Die personalontologische Antwort auf den Posthumanismus lautet: Es gibt eine menschliche Natur — nicht als biologische Spezies-Eigenschaft, sondern als Erste Wirklichkeit (prote energeia) eines subsistierenden Wesens mit rationaler Natur. Das ist die thomasische und boethianische Personformel: naturae rationabilis individua substantia.

Der Posthumanismus untergräbt diese Formel auf zwei Wegen:

  1. Indem er die Substanz (individua substantia) in eine Prozess- oder Relationsbeschreibung auflöst — der Mensch sei „im Werden”, „im Übergang”, „in Beziehung”. Damit verliert die Person ihren ontologischen Träger.
  2. Indem er die rationale Natur (naturae rationabilis) als kontingent oder austauschbar erklärt — andere Träger könnten dieselbe oder eine bessere Rationalität haben.

Beides führt dahin, dass die Würde des Menschen nicht mehr in seinem Sein gründet, sondern in Eigenschaften, die er auch verlieren oder die andere Wesen ebenfalls aufweisen könnten.

Posthumanismus und Künstliche Intelligenz

Die Künstliche Intelligenz ist der konkrete Anlass, an dem die posthumanistische Position virulent wird. Wenn Maschinen Sprachfähigkeit, Mustererkennung, Planungs- und Lernprozesse zeigen, scheint die Frage berechtigt: Ist der Mensch nur eine bestimmte Implementierung kognitiver Funktionen — und damit ersetzbar durch andere Implementierungen?

Die Personalontologie widerspricht. Die Frage ist nicht, ob Maschinen menschenähnliche Funktionen ausführen können — das können sie zunehmend gut. Die Frage ist, ob Funktion und Sein dasselbe sind. Eine substanzontologische Intelligenz-Konzeption unterscheidet das Vermögen (Habitus, prote energeia) vom Akt (Vollzug, deutera energeia) und beide vom Träger des Vermögens. Ein Intelligenzträger ohne substanzielle Selbstheit vollzieht keine Akte aus erster Person — er produziert nur Surface, die wie Akte aussieht.

Lehramtliche Bewertung

Die Würde des Menschen wird im katholischen Lehramt konsistent als unverlierbare, ontologische und gerade nicht funktionale Eigenschaft beschrieben. Drei Dokumente bündeln diese Position:

  • Dignitas Infinita (Dikasterium für die Glaubenslehre, 2.4.2024, veröffentlicht 8.4.2024) differenziert die menschliche Würde in vier Dimensionen — ontologische, moralische, soziale und existenzielle Würde — wobei die ontologische die unhintergehbare Grundlage bildet.
  • Antiqua et Nova (Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung, 28.1.2025) bestimmt die Gefahr nicht als KI selbst, sondern als den anthropologischen Reduktionismus, der den Menschen nach Maßgabe der Maschine versteht.
  • Magnifica Humanitas (Papst Leo XIV., 25.5.2026) — die erste Enzyklika zum Schutz der menschlichen Person im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz — weist Transhumanismus und Posthumanismus gemeinsam zurück: den Transhumanismus, weil er Begrenztheit als Mangel verkennt; den Posthumanismus, weil er die Imago-Dei-Struktur des Menschen leugnet. „Keine Maschine kann die Pracht menschlicher Würde ersetzen” (Nr. 15).

Posthumanismus als Personvergessenheit

Strukturell ist der Posthumanismus eine theoretische Personvergessenheit zweiter Ordnung: Er verkennt nicht eine bestimmte Person, sondern leugnet, dass es Personen im substantiellen Sinn gibt. Dem entspricht eine durchgehende Vermeidung des Anrede-Modus: wo es niemanden gibt, der angesprochen werden müsste, gibt es auch niemanden, dem man Unrecht tun könnte. Genau diese Konsequenz macht den Posthumanismus zur sittlich problematischen Position — er entzieht der Personalistischen Norm ihren Adressaten.

Siehe auch: Transhumanismus, Personvergessenheit, Künstliche Intelligenz, Personsein, Würde, Natur

Ontologische Einordnung:

Quellenangaben: Bexten 2017 (zur substanzontologischen Personauffassung als Gegenposition).

Weitere Quellen:

  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta. (Ontologische Unterscheidung Jemand/Etwas gegen jede gradualistische oder relationale Auflösung)
  • Dignitas Infinita (Dikasterium für die Glaubenslehre, 2.4.2024, veröffentlicht 8.4.2024): Vierdimensionale Differenzierung der Menschenwürde
  • Antiqua et Nova (Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung, 28.1.2025): KI als Modell des Menschen vs. KI als Werkzeug
  • Magnifica Humanitas (Papst Leo XIV., Enzyklika, 25.5.2026): Erste Enzyklika zum Schutz der menschlichen Person im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Siehe auch: