Fürsorge
Die personale Zuwendung zu einer verletzlichen oder abhängigen Person. Fürsorge ist nicht bloße Hilfeleistung oder funktionale Versorgung, sondern ein Akt, der die Würde des Anderen als Jemand anerkennt und bejaht — gerade in seiner Verletzlichkeit.
Fürsorge und Personsein
Fürsorge setzt das Liebesvermögen der Person voraus: Nur ein Wesen, das zur Liebe fähig ist, kann sich dem Anderen in seiner Bedürftigkeit zuwenden. Dabei ist Fürsorge wesentlich eine interpersonale Relation — sie geschieht zwischen Personen und ist auf die Zweite Dimension des Personseins bezogen, in der die Person sich als Wesen in Beziehung verwirklicht.
Im Unterschied zur bloßen Pflege oder Versorgung — die auch an Funktionen delegiert werden kann — ist echte Fürsorge ein personaler Akt: Sie entspringt der Einfühlung in die Lage des Anderen und der Ehrfurcht vor seiner Person. Die Personalistische Norm verlangt, dass Fürsorge den Anderen niemals auf seine Bedürftigkeit reduziert, sondern ihn als Person um seiner selbst willen bejaht.
Fürsorge und Verletzlichkeit
Fürsorge richtet sich besonders auf Personen, deren Personsein zwar unantastbar ist, deren Fähigkeit zur Selbstentfaltung aber eingeschränkt sein kann: der Embryo, der alte Mensch, die Person mit Demenz, der Obdachlose. Gerade hier zeigt sich der personalontologische Grundsatz, dass die Würde nicht von der Funktionsfähigkeit abhängt, sondern im Personsein selbst gründet (vgl. Erste Dimension).
Die Fürsorge für den Embryo und das ungeborene Kind ist ein paradigmatischer Fall: Die Person existiert bereits in der vollen Wirklichkeit ihres Personseins, kann aber kein Personverhalten zeigen. Fürsorge anerkennt hier das Personsein jenseits aller sichtbaren Leistung.
Fürsorge und Gemeinwohl
Eine Gesellschaft, die Fürsorge institutionell ermöglicht und fördert, dient dem Gemeinwohl. Umgekehrt ist eine Gesellschaft, die Fürsorge nur als Kostenfaktor betrachtet oder sie an Technologie delegiert, in Gefahr der Personvergessenheit. Die Frage, ob Künstliche Intelligenz Fürsorge leisten kann, ist aus personalontologischer Sicht klar zu beantworten: KI kann Funktionen der Versorgung übernehmen, aber nicht die personale Zuwendung, die echte Fürsorge ausmacht — denn KI besitzt weder Liebesvermögen noch Einfühlung noch Gewissen.
Fürsorge und die Dritte Dimension
In ihrer tiefsten Form ist Fürsorge Ausdruck der Dritten Dimension des Personseins: der sittlichen Vervollkommnung. Wer für den Anderen sorgt, verwirklicht die Selbsthingabe und wächst in der Tugend. So ist Fürsorge nicht nur für den Empfangenden, sondern auch für den Gebenden eine Form der personalen Entfaltung.
Ontologische Einordnung
- Oberklasse: Interpersonale Relation
- Setzt voraus: Liebesvermögen
- Dimension: Zweite Dimension (Interpersonalität), Dritte Dimension (sittliche Vervollkommnung)
Siehe auch: