🇬🇧 English version: Phenomenological Conception of Intelligence
Die phänomenologische Intelligenzkonzeption versteht Intelligenz als intentionale Aktstruktur eines Ich-Pols: Wahrnehmen, Urteilen, Schließen und Erinnern sind Akte, die von einem Ich aus erster Person vollzogen werden. Nicht die Leistung steht im Zentrum, sondern die Struktur des Vollzugs und sein Träger.
Husserl: Intelligenz als Aktintentionalität
Edmund Husserl bestimmt in den Logischen Untersuchungen (VI. Untersuchung, 1901) das Erkennen als intentionalen Akt: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, gerichtet auf einen Gegenstand und zugleich auf einen Ich-Pol bezogen, von dem der Akt ausgeht. Erkenntnis ist die Erfüllung einer Bedeutungsintention in der Anschauung — ein Geschehen, das sich nicht als bloße Zeichenverarbeitung beschreiben lässt, weil es einen meinenden, sich erfüllenden Akt voraussetzt.
Edith Stein: der Ich-Pol des Aktes
Edith Stein (Endliches und ewiges Sein, 1936) führt die Husserlsche Aktanalyse in eine Seinslehre der Person über: Die intentionalen Akte sind Akte eines Ich, das in ihnen lebt und sich in ihnen entfaltet. Der Ich-Pol ist nicht selbst ein Gegenstand unter Gegenständen, sondern die Quelle, aus der die Akte hervorgehen. Damit wird die Erste-Person-Perspektive zum konstitutiven Merkmal von Intelligenz, nicht zu einem nachträglichen Zusatz.
Dan Zahavi (Subjectivity and Selfhood, 2005) führt diese Linie in die gegenwärtige Bewusstseinsphilosophie fort: Die phänomenale Erste-Person-Gegebenheit (for-me-ness) ist nicht reduzierbar auf eine Drittperson-Beschreibung von Funktionen.
Bedeutung für die KI-Frage
Die phänomenologische Konzeption teilt mit der substanzontologischen das Interesse am Träger, setzt aber bei der Aktstruktur an statt bei der Substanzlehre. Beide sind in der Ontologie gleichrangige Schwester-Konzeptionen neben der computationalen Konzeption — anders ausgerichtet als diese, aber nicht logisch entgegengesetzt: Sie fragen nach Träger und Aktstruktur, wo die computationale Linie Intelligenz substratneutral als Optimierung fasst.
Für die KI-Frage ist der Befund scharf: Ein System ohne Ich-Pol vollzieht keine Akte aus erster Person. Es kann die Resultate intentionaler Akte nachbilden, aber nicht die Aktstruktur selbst, weil diese einen Vollzugssubjekt voraussetzt. Was bei der phänomenologischen Konzeption fehlt, wenn ein Ich-Pol fehlt, ist nicht eine Leistung, sondern der Vollzugscharakter — die Differenz zwischen einem Intelligenzakt und seiner funktionalen Oberfläche.
Ontologische Einordnung
- ist Form von: Intelligenzkonzeption
- verwandt mit: substanzontologische Intelligenzkonzeption (gemeinsames Interesse am Träger)
- gleichrangige Schwester-Konzeption neben der computationalen Intelligenzkonzeption (anders ausgerichtet, nicht entgegengesetzt)
Quellenangaben: Generiert via Abfrage aus der Personsein-Ontologie.
Weitere Quellen — auf Existenz und Korrektheit überprüft:
- Husserl, Edmund (1901): Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. Halle: Niemeyer (VI. Untersuchung).
- Stein, Edith (1950, verfasst 1936): Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins. Louvain: Nauwelaerts / Freiburg: Herder.
- Zahavi, Dan (2005): Subjectivity and Selfhood. Investigating the First-Person Perspective. Cambridge, MA: MIT Press.