Scham

Scham ist eine zutiefst personale Erfahrung, in der der Mensch seine eigene Verletzlichkeit und Intimität schützt. Sie zeigt sich dort, wo etwas Innerliches — das zur Innerlichkeit der Person gehört — ungeschützt dem Blick der Anderen ausgesetzt wird oder wo die Person hinter dem eigenen sittlichen Anspruch zurückbleibt. Scham ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern ein personales Urphänomen: Sie setzt Selbstbewusstsein, ein Wissen um die eigene Würde und die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung voraus.

Karol Wojtyła hat die Scham als “Schutzinstinkt der Person” gedeutet: Sie bewahrt davor, als bloßes Objekt betrachtet oder zum Ding reduziert zu werden. Leibliche Scham schützt die Leib-Seele-Einheit des Menschen vor dem begehrlichen Blick, der die Person auf ihren Körper reduziert. Sittliche Scham zeigt an, dass die Person sich selbst als verantwortlich für ihr Handeln erfährt — sie steht in enger Verbindung zur Reue und zum Gewissen. Wo Scham fehlt oder systematisch unterdrückt wird, droht eine Abstumpfung gegenüber der Würde der Person.

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