Keuschheit
Die Tugend der Integration der Sinnlichkeit und des Gefühlslebens in den Dienst der personalen Liebe. Keuschheit ist NICHT Unterdrückung der Sexualität, sondern deren Eingliederung in die personale Selbstbestimmung. Sie setzt Selbstbeherrschung voraus und ermöglicht Selbsthingabe.
Das personalontologische Verständnis der Keuschheit unterscheidet sich grundlegend von einer rein negativen Auffassung, die Keuschheit als bloße Enthaltsamkeit oder Triebunterdrückung missversteht. Im thomistisch-personalistischen Rahmen ist Keuschheit eine positive Tugend: Sie befähigt die Person, ihre Sinnlichkeit und ihr Gefühlsleben so zu ordnen, dass sie in den Dienst der personalen Liebe treten können. Der Leib wird nicht als Feind der Sittlichkeit betrachtet, sondern als Ausdrucksfeld der Person, das durch die Keuschheit seine personale Bedeutung entfalten kann (vgl. Bexten 2017, S. 210–218).
Keuschheit steht in ontologischer Disjunktion zur Konkupiszenz: Wo die Konkupiszenz den Anderen auf ein Objekt des Begehrens reduziert, ermöglicht die Keuschheit, den Anderen als Person zu sehen und ihm in der leiblichen Begegnung als Person zu begegnen. Die keusche Person beherrscht nicht ihren Leib gegen ihre Natur, sondern verwirklicht ihre Natur in ihrer vollen personalen Tiefe. Freiheit ist dabei die entscheidende Voraussetzung: Nur wer sich selbst beherrscht (Selbstbeherrschung), kann sich selbst schenken (Selbsthingabe). Die Keuschheit ist damit die Tugend, die die leibliche Dimension der personalen Liebe schützt und zur Entfaltung bringt.
Als Tugend ist Keuschheit eine habituell gewordene Haltung, die durch wiederholte freie Akte erworben und gefestigt wird. Sie ist nicht ein einmaliger Entschluss, sondern eine beständige Formung des Charakters, die die ganze Person — Leib, Seele und Geist — durchdringt und auf die personale Liebe hin ordnet.
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Tugend
- disjunkt mit: Konkupiszenz
Ontologische Beziehungen:
- ermöglicht: Selbsthingabe, Leibliche Selbsthingabe
- setzt voraus: Selbstbeherrschung, Freier Wille
- steht im Gegensatz zu: Konkupiszenz
- dient der: Personale Liebe
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein
Siehe auch: Tugend, Mann, Frau, Selbsthingabe, Konkupiszenz, Personale Liebe, Leib, Freiheit, Freier Wille, Person, Leibliche Selbsthingabe, Karol Wojtyła, Selbstbeherrschung, Integration der Person, Bräutliche Bedeutung des Leibes