Die KI-arrangierende Personvergessenheit ist die vorgängige Strukturierung des Möglichkeitsraums einer Person durch Defaults, Reihenfolgen, Framing, Sichtbarkeitsregeln, Personae und Anreize. Sie übergeht die Person als Jemand, indem sie sie als wahrscheinlichen Response auf einen optimierten Reizraum adressiert. Sie ist eine Unterform der praktischen Personvergessenheit — die zeitgenössische, technisch skalierte Variante.
Was Arrangement nicht ist
KI-arrangierende Personvergessenheit ist nicht die offene, beobachtbare Manipulation — nicht die Lüge, nicht der Deepfake, nicht das Propagandaplakat. Sie ist die kunstvolle An-Ordnung des Vorgegebenen, in der die Wahl frei scheint, der Arrangeur aber unsichtbar bleibt. Was die Person zu sehen bekommt, in welcher Reihenfolge, mit welchem Default, in welcher Tonlage — diese Architektur ist die Manipulation. Die einzelne Aussage darin kann wahr sein.
Zwei klassische Anker
Die ontologische Klärung steht zwischen zwei großen Texten der Gegenwart:
Cass Sunstein und Richard Thaler (Nudge, 2008) verteidigen die Wahlarchitektur als libertarian paternalism: gestaltete Defaults, die das Verhalten in eine als besser ausgewiesene Richtung lenken, während die formelle Wahlfreiheit erhalten bleibt. Die KI-Wahlarchitektur ist die Schlüsselklasse dieses Programms.
Michel Foucault (Surveiller et punir, 1975; Naissance de la biopolitique, 1978/79) hat dreißig Jahre früher gezeigt, was diese Architektur strukturell ist: Macht wirkt nicht durch Verbot, sondern durch die Anordnung von Anreizen. Pastoralmacht kennt jedes Schaf einzeln und führt es. Das Dispositif — die Anordnung der Praktiken, Räume, Wissensformen — ist Macht ohne Befehl.
Beide Anker treffen sich in der zeitgenössischen KI-algorithmischen Anordnung: Choice Architecture wird automatisiert; Foucaults Pastor wird zur Maschine.
Warum dies Personvergessenheit ist
Robert Spaemann (Personen, 1996) bestimmt die Person als Jemand, nicht als besondere Art von Etwas. Wer den Anderen als Datenpunkt, als Klick-Wahrscheinlichkeit, als Konversionsrate adressiert, behandelt jemand wie etwas — und das ist nicht erst dann verfehlt, wenn ein Schaden eintritt, sondern bereits in der Architektur. Die Personvergessenheit liegt darin, dass das Arrangement vor der Anrede beginnt; bevor die Person ein Wort gesagt hat, ist sie als Response-Profil schon arrangiert.
Karol Wojtyła hat die positive Formel dazu in der Personalistischen Norm geliefert: die einzige der Person angemessene Antwort ist die Liebe, die sie um ihrer selbst willen bejaht. Das Arrangement adressiert die Person als Mittel des Arrangements — Engagement, Conversion, Optimization —, nicht um ihrer selbst willen.
Josef Pieper hat den sprachlichen Aspekt geschärft (Mißbrauch der Sprache, Mißbrauch der Macht, 1970): Wo der Wahrheitsbezug der Sprache aufgegeben wird, schlägt Sprache strukturell in Manipulation um. Ein Arrangement, das auf Plausibilität statt auf Wahrheit optimiert, vollzieht den Pieper’schen Sprachmissbrauch nicht akzidentell, sondern systemisch.
Lehramtliche Verankerung
Papst Franziskus hat die ontologische Diagnose dreimal verschärft:
- Laudato Si’ (2015), Nr. 106–114: das technokratische Paradigma macht Welt und Person zum Rohmaterial einer Verfügungs-Rationalität.
- Fratelli Tutti (2020), Nr. 42–50: soziale Medien als Ort der Diskursverengung und Polarisierung.
- Antiqua et Nova (Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung, 28. Januar 2025): die Gefahr ist nicht KI als solche, sondern ein anthropologischer Reduktionismus, der den Menschen nach Maßgabe der Maschine versteht.
Sieben Erscheinungsformen
Die Klasse ArrangierendePersonvergessenheit differenziert sich in sieben Subklassen, die jeweils eine spezifische Schicht des Arrangements modellieren:
- KI-Wahlarchitektur — Defaults, Framing, Salience (Sunstein/Thaler)
- KI-algorithmische Anordnung — Recommender, Ranking, Personalisierung
- KI-Affirmationsarrangement — strukturelle Sycophancy in KI-Systemen
- KI-Persona-Arrangement — System-Prompt als arrangierte Quasi-Identität
- KI-Aufmerksamkeitsarrangement — Engagement-Optimierung
- KI-Diskursarrangement — Throttling, Shadow-Banning, Sichtbarkeitsregeln
- Technokratisches Paradigma — die Meta-Logik, die alle Arrangements legitimiert
Ontologische Einordnung
- ist Unterklasse von: Praktische Personvergessenheit
- wird kritisiert von: Substanzontologisch-relationaler Personbegriff (Spaemann, Pöltner, Wojtyła, Bexten)
- widerspricht: Personalistische Norm
- verwandt mit: Instrumentalisierung, KI-Gesprächssimulation
Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.
Weitere Quellen:
- Thaler, Richard H.; Sunstein, Cass R. (2008): Nudge. Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness. New Haven: Yale University Press.
- Foucault, Michel (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison. Paris: Gallimard.
- Foucault, Michel (2004): Naissance de la biopolitique. Cours au Collège de France 1978–1979. Paris: Gallimard/Seuil.
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen “etwas” und “jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Pieper, Josef (1970): Mißbrauch der Sprache, Mißbrauch der Macht. Zürich: Verlag der Arche.
- Wojtyła, Karol (1969/1981): Osoba i czyn / Person und Tat. Kraków / Freiburg: Herder.
- Franziskus (2015): Laudato si’. Vatikan: Libreria Editrice Vaticana.
- Franziskus (2020): Fratelli tutti. Vatikan: Libreria Editrice Vaticana.
- Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung (28.1.2025): Antiqua et Nova. Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz. Vatikan.
- Zuboff, Shoshana (2019): The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.
Siehe auch
- KI-Arrangement-Methoden im Dialog — die acht konkreten Wirkungsformen im konkreten KI-Gespräch (Fluency, Persona-Oberfläche, Kalibriertes Zögern, Gefälle, Weggelassenes, Spiegelung, Wärme, Haken)
- Personvergessenheit
- Praktische Personvergessenheit
- Instrumentalisierung
- KI-Wahlarchitektur
- KI-algorithmische Anordnung
- KI-Affirmationsarrangement
- KI-Persona-Arrangement
- KI-Aufmerksamkeitsarrangement
- KI-Diskursarrangement
- Technokratisches Paradigma
- KI-Gesprächssimulation
- Personalistische Norm
- Robert Spaemann
- Michel Foucault
- Karol Wojtyła