Das technokratische Paradigma ist die Meta-Logik der Verfügung, unter der das einzelne Arrangement (Wahlarchitektur, algorithmische Anordnung, Aufmerksamkeits- und Diskurslenkung) als selbstverständlich erscheint. Welt und Person werden zum Rohmaterial einer auf Effizienz und Optimierung ausgerichteten Rationalität. Der Begriff stammt aus Laudato Si’ (2015) von Papst Franziskus; er ist Oberbegriff der KI-arrangierenden Personvergessenheit und zugleich ihre Legitimations-Logik.

Laudato Si’: der lehramtliche Befund

Papst Franziskus entfaltet das technokratische Paradigma in Laudato Si’ (24. Mai 2015), Kap. III, Nr. 105–114. Zentraler Satz (Nr. 105, mit Bezug auf Guardini, Fn. 83): „Man neigt zu der Ansicht, ‚jede Zunahme an Macht sei einfachhin »Fortschritt«; Erhöhung von Sicherheit, Nutzen, Wohlfahrt, Lebenskraft, Wertsättigung’.” Nr. 107: die technokratische Logik macht „die menschliche Person zu einem unter vielen Mitteln”, die Welt zum „Vorrat” der eigenen Verfügung. Nr. 122: dasselbe Paradigma macht den Menschen zum Datenpunkt.

In Fratelli Tutti (2020), Nr. 42–50, ergänzt Franziskus die soziale Dimension: soziale Medien als Ort der Diskursverengung, der algorithmus-getriebenen Polarisierung und der Aushöhlung des dialogischen Lebens.

Antiqua et Nova — die Note der Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz (28. Januar 2025) — verschärft (Nr. 51–67): Die Gefahr ist nicht KI als solche, sondern ein anthropologischer Reduktionismus, der den Menschen nach Maßgabe der Maschine versteht. KI als Werkzeug bleibt legitim; KI als Modell der Person zerstört das Personale.

Anschluss an die kritische Tradition

Die Diagnose Franziskus’ steht in einer langen philosophischen Reihe:

  • Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1947): Vernunft, die nur noch Mittel-Zweck-Rationalität ist, ohne die Zwecke selbst zu prüfen, wird zur Herrschaftsform. Horkheimer (Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967; engl. Original Eclipse of Reason 1947 OUP) hat den Begriff isoliert.
  • Herbert Marcuse (Der eindimensionale Mensch, 1964): Technologische Rationalität als Herrschaft, die nicht durch offene Gewalt wirkt, sondern durch die Erzeugung falscher Bedürfnisse. Wer Bedürfnisse formt, bevor das Subjekt sie reflektieren kann, manipuliert auf tieferer Ebene als jede klassische Propaganda.
  • Hans Jonas (Das Prinzip Verantwortung, 1979): Die Macht des modernen Menschen über die Natur und über die zukünftigen Generationen verlangt eine neue Ethik der Verantwortung, weil die alte Ethik der Tat-Folge-Vorhersehbarkeit nicht mehr reicht.
  • Romano Guardini (Das Ende der Neuzeit, 1950): Der Mensch der technischen Welt verliert das Maß; die Macht über die Welt wird nicht durch Macht über die Macht eingehegt.

Die katholische Sozialtradition hat diese Linien aufgenommen und durch ihren personalistischen Kern geschärft. Spaemanns etwas/jemand-Distinktion (Personen 1996) gibt die ontologische Schärfe; das technokratische Paradigma ist die zeitgenössische Logik, unter der das Personale dauerhaft zum Etwas wird.

Warum dies Personvergessenheit ist

Im substanzontologisch-relationalen Personbegriff (Spaemann, Pöltner, Wojtyła, Bexten) ist die Person ein Jemand, dessen ontologischer Status nicht aus ihren Funktionen abgeleitet werden kann. Das technokratische Paradigma kehrt diese Ordnung um: der Wert ergibt sich aus der Funktion, die Funktion aus der Optimierbarkeit. Was nicht optimiert werden kann, wird unsichtbar; was optimierbar ist, wird zum Maßstab.

Das ist nicht Krise eines einzelnen Verfahrens. Es ist die strukturelle Bedingung, unter der die einzelnen Arrangements (Wahlarchitektur, algorithmische Anordnung etc.) legitim erscheinen. Solange das Paradigma trägt, sind die Arrangements vernünftig. Wer sie kritisieren will, muss das Paradigma kritisieren.

Was es nicht ist

Das technokratische Paradigma ist nicht „Technikfeindlichkeit”. Technik als Werkzeug bleibt legitim; auch die Lehramts-Texte sind hier eindeutig (Antiqua et Nova Nr. 53). Kritikziel ist die Verselbstständigung — das Paradigma, das Technik zum Maßstab des Menschen macht, nicht den Menschen zum Maßstab der Technik.

Es ist auch nicht „Nostalgie”. Romano Guardini hat es vorausgesehen, Papst Franziskus formuliert es heute: das vortechnische Maß lässt sich nicht zurückgewinnen; aber das technische Maß braucht ein vortechnisches Korrektiv. Die Person — als Jemand, nicht als Datenpunkt — ist dieses Korrektiv.

Ontologische Einordnung

Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.

Weitere Quellen:

  • Franziskus (2015): Laudato si’. Enzyklika über die Sorge für das gemeinsame Haus. Vatikan: Libreria Editrice Vaticana, Nr. 106–114.
  • Franziskus (2020): Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. Vatikan, Nr. 42–50.
  • Dikasterien für die Glaubenslehre und für die Kultur und die Bildung (28.1.2025): Antiqua et Nova. Note über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz. Vatikan, Nr. 51–67.
  • Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max (1947): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amsterdam: Querido.
  • Horkheimer, Max (1967): Zur Kritik der instrumentellen Vernunft (dt. EA, hrsg. Alfred Schmidt). Frankfurt: S. Fischer. (Engl. Original Eclipse of Reason, Oxford University Press 1947.)
  • Marcuse, Herbert (1964/1967): Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied: Luchterhand (engl. One-Dimensional Man, Boston: Beacon 1964; dt. Übers. Alfred Schmidt).
  • Jonas, Hans (1979): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt: Insel.
  • Guardini, Romano (1950): Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung. Würzburg: Werkbund-Verlag.
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Siehe auch