Die wahrhaftige Aussage ist der assertive Sprechakt unter erfüllter Aufrichtigkeitsbedingung: der Sprecher hält das Behauptete für wahr und drückt diese Überzeugung im Sprechen aus. Sie ist die Grundform jedes ernsthaften Behauptens und ist konstitutiv für Dialog, Wissenschaft und Diskursfähigkeit.

Searles Definition

John R. Searle (Speech Acts, 1969) bestimmt vier Bedingungen des assertiven Sprechakts:

  1. Propositionaler Gehalt: ein Sachverhalt p wird ausgedrückt.
  2. Vorbereitungsbedingung: der Sprecher hat Gründe für p.
  3. Aufrichtigkeitsbedingung: der Sprecher glaubt, dass p.
  4. Wesentliche Bedingung: die Äußerung gilt als Übernahme der Verpflichtung, dass p wahr ist.

Erfüllt eine Äußerung alle vier Bedingungen, ist sie wahrhaftige Aussage. Verletzt sie die Aufrichtigkeitsbedingung (Sprecher glaubt nicht, dass p, behauptet aber p), ist sie Lüge. Kann die Aufrichtigkeitsbedingung strukturell nicht erfüllt werden (kein Sprecher mit Glauben), ist die Äußerung KI-wahrheitsindifferent.

Drei kategorial verschiedene Modi

ModusAufrichtigkeitsbedingungTräger
Wahrhaftige AussageerfülltPerson mit Glauben an p
LügeverletztPerson ohne Glauben an p, behauptet p
Wahrheitsindifferente Äußerungstrukturell unerfüllbarkein Sprecher mit Glauben

Diese drei Modi sind kategorial verschieden — sie unterscheiden sich nicht graduell. Eine wahrheitsindifferente Äußerung wird nicht durch Skalierung zur wahrhaftigen Aussage; eine Lüge wird nicht dadurch wahrhaftig, dass sie häufig wiederholt wird.

Voraussetzung: Wahrhaftigkeit als Tugend

Wahrhaftige Aussagen sind nicht zufällig wahr, sondern Ausfluss der personalen Wahrhaftigkeit — der habituellen Disposition zur Wahrheitsbeziehung (Hildebrand, Ethik 1953). Eine Person, die wahrhaftig ist, macht typischerweise wahrhaftige Aussagen; sie kann lügen, tut es aber nicht, weil sie es nicht will.

Eine Entität, die nicht wahrhaftig sein kann — der die habituelle Disposition strukturell fehlt —, macht keine wahrhaftigen Aussagen, sondern höchstens zufällig korrekte (vgl. die ontologische Differenz LLM-Output).

Ontologische Einordnung

Quellenangaben: Recherchestand 23. Mai 2026.

Weitere Quellen:

  • Searle, John R. (1969): Speech Acts. Cambridge: CUP.
  • Searle, John R. (1979): Expression and Meaning. Cambridge: CUP.
  • Hildebrand, Dietrich von (1953/1973): Ethik. Regensburg: Habbel (engl. Original Christian Ethics, New York: David McKay 1953).
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Siehe auch