4.7 Der Mensch als eigenständiges Wesen in Beziehung
Jetzt nähern wir uns dem Kern unserer Untersuchung.
4.7.1 Die Wesensgestalt des Menschen
Jedes Ding hat eine Wesensgestalt — eine Natur, die es zu dem macht, was es ist. Die Natur des Menschen ist es, ein vernunftbegabtes Lebewesen zu sein. Das hat schon Aristoteles erkannt1. Boëthius, ein Denker des 6. Jahrhunderts, hat die wohl berühmteste Definition der Person formuliert: „Eine Person ist ein einmaliges eigenständiges Wesen mit vernünftiger Natur.“2
Der Mensch ist nicht bloß ein besonders intelligentes Tier. Er ist ein Wesen einer anderen Seinsordnung. Seine Vernunftnatur hebt ihn nicht graduell, sondern wesenhaft über das Tierreich hinaus.
Robert Spaemann hat das so formuliert: „Wann ist jemand Person? Wenn etwas jemand ist, dann heißt das: er ist Person. Wenn etwas jemand ist, ist es Person — das kann man schon nicht sagen, denn jemand ist nicht etwas, das irgendwann beginnt, jemand zu sein. Wer jemand ist, war es immer.“3 Das ist eine klare Aussage: Personsein ist kein Zustand, den man erlangt. Es ist das, was man von Anfang an ist, wenn man jemand ist. Und „jemand“ ist der Mensch vom ersten Augenblick seines Daseins an.
4.7.2 Person-Sein und Sich-als-Person-Verhalten
Hier müssen wir eine Unterscheidung treffen, die für alles Weitere entscheidend ist: die Unterscheidung zwischen dem Personsein und dem Personverhalten.
Personsein ist das, was der Mensch von Grund auf ist: ein geistiges, vernunftbegabtes eigenständiges Wesen im Leib. Es ist die erste Wirklichkeit — das Zugrundeliegende.
Personverhalten hingegen ist das, was der Mensch tut, insofern er Person ist: Er denkt, urteilt, fühlt, wählt, handelt, liebt, verzeiht. Personverhalten ist die Verwirklichung (die „zweite Wirklichkeit“) der Möglichkeiten, die in der ersten Wirklichkeit, im Personsein, angelegt sind.
Die beiden verhalten sich nicht symmetrisch zueinander. Das Personsein geht dem Personverhalten ontologisch voraus. Das heißt: Erst muss jemand da sein — dann kann er handeln. Das Tun setzt das Sein voraus, nicht umgekehrt.
Die klassische Philosophie — in der Tradition des Thomas von Aquin — drückt das in einem einprägsamen Grundsatz aus: Agere sequitur esse — das Handeln folgt dem Sein.4 Nicht umgekehrt. Das Handeln ist Ausdruck des Seins, nicht dessen Ursache. Ein Wesen handelt so, wie es ist. Und es ist nicht erst dadurch, dass es handelt.
4.7.3 Warum die rein empirische Sichtweise zu kurz greift
Es gibt heute eine weit verbreitete Auffassung, die man die empirisch-funktionalistische Sichtweise nennen kann. Sie besagt: Eine Person ist ein Wesen, das bestimmte Funktionen ausübt. Wer diese Funktionen aktuell besitzt, ist eine Person. Wer sie nicht besitzt, ist keine.
Diese Sichtweise hat auf den ersten Blick etwas Einleuchtendes. Aber sie hat einen schwerwiegenden Fehler: Sie verwechselt die Äußerung des Personseins mit dem Personsein selbst.
Es ist, als würde man sagen: „Eine Lampe ist ein Gegenstand, der leuchtet. Wenn sie nicht leuchtet, ist sie keine Lampe.“ Aber das ist offensichtlich falsch. Eine ausgeschaltete Lampe ist immer noch eine Lampe.
Die empirisch-funktionalistische Sichtweise macht das Personsein zu etwas, das man erwerben und verlieren kann. Aber wenn das so wäre, dann wäre Menschenwürde nicht unverlierbar. Immer wenn Menschen anderen Menschen das Personsein abgesprochen haben, waren Verbrechen die Folge.
Die richtige Sichtweise ist eine andere. Personsein ist nicht eine Funktion, die man hat oder nicht hat. Personsein ist das Zugrundeliegende, das allen Funktionen erst ihre Möglichkeit gibt. Es ist die erste Wirklichkeit, nicht die zweite. Es ist das Feuer, nicht der Rauch.
4.7.4 Rationales Leben konstituiert Personsein
Was macht den Menschen nun konkret zur Person? Antwort: sein rationales Leben. Damit ist nicht gemeint, dass der Mensch aktuell vernünftig denkt. Gemeint ist, dass er ein Wesen ist, dessen Lebensprinzip ein geistiges ist — ein Lebensprinzip, das auf Erkenntnis, Freiheit und Liebe hin angelegt ist.
Dieses rationale Lebensprinzip — die Geistseele — durchformt den ganzen Menschen, seinen ganzen Leib, sein ganzes Sein. Und dieses Lebensprinzip ist da, sobald der Mensch da ist. Also ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Die Zygote, die aus dieser Verschmelzung hervorgeht, ist kein bloßer Zellhaufen, der erst später eine Seele bekommt. Sie ist von Anfang an ein beseeltes Wesen.5
Spaemann macht hierzu einen wichtigen Punkt: Die Artzugehörigkeit des Menschen ist etwas anderes als die Artzugehörigkeit jedes anderen Wesens. Einzelne Menschen sind nicht bloß Exemplare einer Art, nicht bloß austauschbare Vertreter einer Gattung. Sie sind Wesen, die in einer Verwandtschaftsbeziehung zueinander stehen.6
Daraus folgt auch: Die menschliche Natur ist darauf angelegt, in personaler Weise realisiert zu werden. Der Mensch wird nie zum Tier. Ein Mensch mit schwerer geistiger Behinderung ist kein Tier — er ist ein kranker Mensch. „Was es gibt, sind menschliche Wesen, die nicht über volle personale Eigenschaften verfügen. Sie sind nicht etwas anderes als Personen, sondern sie sind entweder krank oder sie sind noch nicht so weit in ihrer Entwicklung. Es gibt keine potentiellen Personen.“7
4.7.5 Biologisches und personales Leben
Hier ergibt sich eine weitere wichtige Einsicht: Beim Menschen ist biologisches Leben und personales Leben dasselbe. Es gibt keine Zeitspanne, in der ein Mensch zwar biologisch lebt, aber noch nicht personal lebt. Es gibt keinen Menschen, der „bloß“ biologisch, aber nicht personal existiert.
Warum? Weil das biologische Leben des Menschen von seinem geistigen Lebensprinzip getragen wird. Die Seele des Menschen ist nicht eine „Extra-Zutat“, die irgendwann zum Körper hinzukommt. Sie ist das, was den Körper lebendig macht. Wo menschliches Leben ist, da ist eine menschliche Seele. Und wo eine menschliche Seele ist, da ist eine menschliche Person.
Die Unterscheidung zwischen „nur biologischem“ und „eigentlich personalem“ Leben ist eine philosophische Fiktion. In der Wirklichkeit gibt es sie nicht.
4.7.6 Was „Natur“ meint
Das Wort „Natur“ hat in der Philosophie einen ganz bestimmten Sinn, der sich vom Alltagsgebrauch unterscheidet. Wenn wir in der Philosophie von der „Natur“ des Menschen sprechen, meinen wir das Wesen des Menschen — das, was ihn zu dem macht, was er ist.
Die Natur des Menschen ist seine rationale Natur: das, kraft dessen er ein vernunftbegabtes, freies, liebesfähiges Wesen ist. Deshalb ist der berühmte Satz des Boëthius so tiefgreifend: Eine Person ist ein einmaliges eigenständiges Wesen mit vernünftiger Natur. Das heißt: Person ist, wer eine solche Natur hat — nicht, wer sie aktuell ausübt. Das Haben der Natur, nicht ihre Ausübung, macht das Personsein aus.
Es gibt einen wichtigen Zusammenhang zwischen Natur, Gestalt und Wirklichkeit: Die Natur des Menschen ist seine Wesensgestalt, und diese Wesensgestalt ist die erste Wirklichkeit, das aktuelle Sein des Menschen. In der Natur liegt also gleichsam alles beschlossen, was den Menschen zum Menschen macht. Deshalb kann Thomas von Aquin sagen: „Die Person bezeichnet das Vollkommenste in der ganzen Natur.”8
Siehe auch:
Weiterlesen: Drei Dimensionen des menschlichen Personseins →
Fußnoten
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Aristoteles, Politik (1994), Buch I, Kap. 2 (1253a 9—10). Der Mensch ist für Aristoteles das zoon logon echon — das Lebewesen, das Vernunft (logos) besitzt. ↩
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Boëthius, a.a.O. Im lateinischen Original: „naturae rationalis individua substantia” — ein einmaliges eigenständiges Wesen (individua substantia) mit vernünftiger Natur (naturae rationalis). ↩
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Spaemann, Personen (1998), Stuttgart: Klett-Cotta, 1998, S. 47. ↩
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Der Grundsatz „Agere sequitur esse” (das Handeln folgt dem Sein) gehört zur philosophischen Tradition des Thomas von Aquin. Vgl. Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles, II, c. 59; De Potentia, q. 7, a. 10. ↩
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Zum Einwand der monozygotischen Mehrlingsbildung gegen diese These vgl. die Endnote in Abschnitt 4.4.3. ↩
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Spaemann, Personen (1998), Stuttgart: Klett-Cotta, 1998. ↩
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Spaemann, Personen (1998), Stuttgart: Klett-Cotta, 1998, S. 261f. ↩
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Thomas von Aquin, Summa theologiae (1888), Ia q. 29 a. 3 co.: „Persona significat id quod est perfectissimum in tota Natura.” ↩