2.8 Der Unterschied zwischen Meinung und Erkenntnis
Was genau unterscheidet eine Meinung von einer Erkenntnis?
Eine Meinung ist etwas, das man für richtig hält. Man kann gute oder schlechte Gründe dafür haben. Aber eine Meinung bleibt immer ein Für-richtig-Halten: Man ist nicht ganz sicher, ob es wirklich so ist, wie man denkt. Meinungen können wahr oder falsch sein — aber man weiß es nicht mit Gewissheit.
Eine Erkenntnis ist etwas anderes. Erkenntnis bedeutet: Man sieht ein, dass etwas so ist — und dass es nicht anders sein kann. Man erfasst einen Sachverhalt, der unabhängig vom eigenen Denken besteht. Man erfindet ihn nicht, man entdeckt ihn.
Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie einsehen, dass ein Teil nicht ohne ein Ganzes existieren kann, dann haben Sie etwas erkannt. Sie haben nicht eine Meinung über Teile und Ganze. Sie haben verstanden, wie es sich verhält. Und Sie wissen: Das könnte nicht anders sein. Es liegt im Wesen eines Teils, zu einem Ganzen zu gehören.
Dieses Einsehen — dieses geistige Erfassen eines Sachverhalts, der wirklich so ist — nennt die Philosophie Einsicht. Die Einsicht ist der eigentliche Kern philosophischer Erkenntnis. Ohne sie gäbe es nur Meinungen, Vermutungen und Behauptungen. Mit ihr gibt es Wissen.
Nun könnte jemand einwenden: Kann man sich nicht auch in einer vermeintlichen Einsicht täuschen? Natürlich kann man das. Aber der Einwand beweist etwas Entscheidendes: Wer sagt, man könne sich täuschen, der setzt voraus, dass es einen Unterschied gibt zwischen Täuschung und Wahrheit. Und damit setzt er genau das voraus, was er bestreiten wollte: dass es Wahrheit gibt und dass wir sie im Grundsatz erkennen können.
Wer behauptet, es gebe keine Wahrheit, widerspricht sich selbst. Denn er beansprucht ja, dass es wahr sei, dass es keine Wahrheit gibt. Das ist der „relativistische Widerspruch“: Selbst der Verzicht auf Wahrheit setzt Wahrheit voraus. Die Behauptung „Alles ist relativ“ will selbst nicht relativ sein. Wer sie ausspricht, erhebt einen absoluten Wahrheitsanspruch — und widerlegt damit seine eigene These.
Husserl hat diesen Punkt mit unübertrefflicher Klarheit formuliert: „Ich kann Niemanden zwingen, einzusehen, was ich einsehe. Aber ich selbst kann nicht zweifeln, ich sehe ja abermals ein, dass jeder Zweifel hier, wo ich Einsicht habe, d. i. die Wahrheit selbst erfasse, verkehrt wäre.“1 Entweder, so Husserl, nimmt man die Einsicht ernst — oder man gibt alle Vernunft preis. Einen Mittelweg gibt es nicht.
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Fußnoten
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Husserl, Logische Untersuchungen (1900), Erster Theil: Prolegomena zur reinen Logik, Halle: Niemeyer, 1900, S. 143. ↩