Technische Augmentation bezeichnet ein technisches Artefakt oder System, das die Aktualisierung von Vermögen eines Intelligenzträgers extern stützt, erweitert oder ersetzt. Substanzontologisch handelt es sich um Werkzeug — die Augmentation gehört zur zweiten Aktualisierung (deutera energeia), nicht zur Wesensform (Prote Energeia). Die Person bleibt Person mit und ohne Augmentation; was sich ändert, ist nicht was sie ist, sondern wie sie sich verwirklicht.
Die Klasse umfasst sehr unterschiedliche Fälle: die Lesebrille, das Hörgerät, das Exoskelett, der Cochlea-Implantat, das Brain-Computer-Interface, das Cobot-Werkzeug, die Augmented-Reality-Brille und die Sprachmodell-Assistenz. Sie alle teilen die Werkzeugstruktur: ein Träger nutzt das Artefakt für einen Akt, der im Vermögen des Trägers gründet.
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: technisches Artefakt; Unterbegriffe: Brain-Computer-Interface, sensorische Augmentation (Brille, Hörgerät), motorische Augmentation (Exoskelett, Prothese), kognitive Augmentation (Notizbuch, Sprachmodell-Assistenz).
Abgrenzung zur klassischen Mensch-Maschine-Schnittstelle
Die klassische Disziplin der Mensch-Computer-Interaktion (Human-Computer Interaction) (HCI) — Gestaltung von Bildschirmen, Eingabegeräten, Bedienoberflächen — ist personseinsontologisch unauffällig. Maus, Tastatur und Touchscreen sind Werkzeuge wie Bleistift und Papier; sie ändern nichts an der Verfassung der Person, die sie bedient. Erst wenn die Schnittstelle die Leib-Artefakt-Grenze überschreitet (Implantat) oder als konstitutiv kognitiv verstanden wird (siehe Extended-Mind-These), wird sie personseinsontologisch relevant.
Zwei methodische Versuchungen
Reduktion — wer Augmentation als bloße Werkzeugbenutzung abtut, verfehlt die ethische Spannweite. Ein Cochlea-Implantat restituiert kommunikative Lebensbedingungen; ein Enhancement-Implantat dient der Steigerung über den artspezifischen Normalbereich hinaus. Beide sind technische Augmentation; nur die erste ist ethisch unproblematisch.
Substanz-Verschiebung — wer Augmentation als Wesensänderung deutet (Cyborg-Übergang, posthumane Spezies), behauptet einen ontologischen Sprung, der sich technisch nicht zeigt. Das Werkzeug verändert das Werkzeug-Verhältnis, nicht den Werkzeug-Benutzer.
Verbindung zur Aktualisierungsstruktur
Die Personalontologie unterscheidet zwei Aktualisierungsstufen: die Wesensform der Person (Prote Energeia) und die konkreten Vollzüge (Deutera Energeia). Augmentation greift ausschließlich in die zweite Stufe ein. Sie kann die Vollzüge beschleunigen, präzisieren, neu ermöglichen — aber sie konstituiert nicht das Personsein. Eine Person, deren Brille zerbricht, bleibt Person. Ein Mensch im Koma ohne jeden Vollzug bleibt Person.
Ethische Einordnung nach der Personseinsontologie
Die Personseinsontologie liefert für die Augmentationsfamilie kein pauschales Urteil, sondern eine vorbereitende Strukturierung: weil Augmentation grundsätzlich Werkzeug ist (Eingriff in deutera energeia, nicht in prote energeia), kann sie als Klasse ethisch nicht abgelehnt werden. Wer das täte, müsste folgerichtig auch Brille, Hörgerät und Rollstuhl ablehnen — was die personalistische Tradition nie getan hat, weil die Werkzeugbenutzung Teil der menschlichen Vollzugsstruktur ist.
Die ethische Bewertung ergibt sich erst am Zweck der jeweiligen Augmentation, nicht am Werkzeug selbst. Drei Bedingungen folgen aus der ontologischen Werkzeug-Bestimmung:
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Restitutiv versus konstruierend. Augmentation, die einen krankheits- oder verletzungsbedingt fehlenden Normalvollzug wiederherstellt, ist personalistisch legitim — sie achtet die Person, indem sie ihre Manifestationsbedingungen restituiert (Cochlea-Implantat beim tauben Kind, therapeutisches BCI beim Locked-In-Patienten). Augmentation, die den artspezifischen Normalvollzug überbietet, behandelt das Personsein als optimierbares Substrat und fällt unter den transhumanistischen Vorbehalt (Enhancement-BCI, kognitive Doping-Implantate).
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Einwilligung und Würdeachtung. Die Werkzeugrelation hat einen Subjekt-Träger, dem die Augmentation dient. Wer ohne Einwilligung augmentiert, kehrt die Relation um: das Werkzeug bekommt einen Träger zugewiesen, anstatt dass der Träger ein Werkzeug nutzt. Das ist die Grundverletzung der personalistischen Norm — die Person als Objekt der Augmentation, nicht als ihr Subjekt.
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Reversibilitäts-Strebung. Wo möglich, sollte Augmentation die Möglichkeit ihres Abbruchs offenhalten. Eine technische Augmentation, die irreversibel verflochten wird (chronische Hirnstimulation ohne sichere Deaktivierungsoption, neuronale Verschmelzung), erschwert nachträgliche personalistische Korrekturen. Das ist nicht absolutes Verbot, aber ein Maßstab für die Wahl der Augmentationsart.
Substanzontologische Klarstellung. Auch maximale Augmentation ändert nicht, was eine Person ist — die Wesensform bleibt unverändert. Wer die Augmentation als Wesensänderung versteht, betreibt eine implizite Anthropotechnik der Selbstkonstruktion, die in der personalistischen Tradition als superbia (Selbstvergottung) markiert ist. Die Trennlinie ist nicht “Mensch ohne Werkzeug versus Mensch mit Werkzeug” — sondern “Werkzeug als Hilfe versus Werkzeug als Wesens-Konstruktion”.
Gegenargument. Eine schärfere Position argumentiert, jede Augmentation forme die Vollzugsgewohnheiten der Person und ändere damit de facto doch deren Identität. Antwort: zwischen Formung durch Gewohnheit und Konstitution der Wesensform besteht ein kategorialer Unterschied. Gewohnheiten formen — Wesensform konstituiert. Die personalistische Ontologie respektiert die formende Wirkung, ohne sie zur konstitutiven zu erheben.
Quellenangaben: Recherchestand 7. Juni 2026 (Dossier HCI / BCI — weltweite Recherche).
Weitere Quellen:
- Spaemann, Robert (1996): Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas” und „jemand”. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Bexten, Raphael (2017): Was ist menschliches Personsein? Der Mensch im Spannungsfeld von Personvergessenheit und unverlierbarer ontologischer Würde. Dissertation, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. DNB d-nb.info/1162442808/34.
- Clark, Andy (2003): Natural-Born Cyborgs. Minds, Technologies, and the Future of Human Intelligence. Oxford: Oxford University Press.
Siehe auch
- Brain-Computer-Interface
- Intelligenzträger
- Prote Energeia
- Deutera Energeia
- Extended-Mind-These
- Transhumanismus
Generiert via Abfrage aus der Personsein-Ontologie.