Gesinnung

Tiefe personale Haltung gegenüber anderen (Wohlwollen, Bosheit, Ehrfurcht, Verachtung). Gesinnungen sind irreduzibel auf einzelne Emotionen — sie bilden eine eigenständige Schicht des personalen Lebens. Pfänder hat diese Eigenständigkeit phänomenologisch aufgewiesen: Gesinnungen sind weder bloße Gefühle noch Willensentschlüsse, sondern grundlegende Haltungen, die das gesamte Verhalten der Person gegenüber dem Anderen durchformen.

Eine Gesinnung ist tiefer verankert als ein einzelner Akt oder ein momentanes Gefühl. Während ein Gefühl kommt und geht, prägt die Gesinnung die Person in ihrer Tiefe und bestimmt die Grundrichtung ihres personalen Lebens. Wohlwollen als Gesinnung bedeutet nicht, dass die Person in jedem Augenblick ein warmes Gefühl für den Anderen empfindet, sondern dass sie dem Anderen grundsätzlich das Gute will — auch wenn momentane Gefühle anders lauten. Die Gesinnung zeigt sich in der Gesamtheit der Akte, die aus ihr hervorgehen, und ist doch mehr als deren Summe (vgl. Bexten 2017, S. 150–160).

Als Tugend und Urphänomen zugleich hat die Gesinnung eine doppelte ontologische Stellung: Sie ist einerseits ein nicht weiter reduzierbares Grundphänomen des personalen Lebens (Urphänomen), andererseits eine habituell gewordene Haltung, die durch wiederholte freie Akte geformt wird (Tugend). Die Gesinnung gehört zur Dritten Dimension des personalen Lebens, insofern sie die tiefste Schicht der sittlichen Haltung der Person betrifft — jene Schicht, in der sich die Person als Ganze dem Guten oder dem Bösen zuwendet.

Die Wertantwort wird durch die Gesinnung mitgetragen und gefärbt: Eine Person mit der Gesinnung der Ehrfurcht wird die Werte anders erfassen als eine Person, deren Grundhaltung Verachtung ist. Die Gesinnung ist damit eine Voraussetzung der adäquaten Werterfassung und des sittlich guten Lebens.

Ontologische Einordnung:

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein

Siehe auch: Person, Tugend, Ehrfurcht, Wertantwort, Urphänomen, Dritte Dimension, Affektivität, Freier Wille, Alexander Pfänder