Ein Drohnenschwarm ist eine Kollektion kooperierender autonomer Drohnen unter gemeinsamem Kommando- oder Koordinationsalgorithmus. Im Unterschied zu bloßer Parallelverwendung vieler Einzeldrohnen tauschen Schwarmsysteme Positions-, Sensor- und Zieldaten untereinander aus und entscheiden dezentral über Rollenaufteilung, Angriffsvektoren und Ausweichmanöver.
Die großen Schwarmprogramme 2025/2026
US-amerikanisches Replicator-Programm (2023 angekündigt). Ziel: Feldeinsatzfähigkeit Tausender autonomer Systeme bis August 2025. Frist gerissen; Übergabe an eine Defense Autonomous Warfare Group im Oktober 2025. Im Januar 2026 wurde eine Orchestrator Prize Challenge mit Preisgeld 100 Mio. USD für Schwarm-Kommando-Software ausgeschrieben (Pressemitteilung DoD).
Chinesische Schwarm-Demonstration, Januar 2026. Eine Demonstration der Volksbefreiungsarmee mit einem Forschungsinstitut der Nationalen Verteidigung zeigte, wie ein einzelner Soldat über 200 Festflügler-Drohnen mittels eines adaptiven, anti-jamming-fähigen Koordinationsalgorithmus steuerte. Es ist die größte öffentliche Kooperations-Demonstration im Schwarmbereich bis dato.
Forschungs-Schwarmprogramme. Analoge Programme in der EU (Verbundforschungsprojekte im Rahmen von EDF) und in Israel sind dokumentiert. Die Kombination aus niedrigen Einzelstückkosten, Open-Source-Software und militärischer Nachfrage prognostiziert eine zunehmend verbreitete Fähigkeit.
Die Autonomiefrage
Drohnenschwärme sind nicht notwendig vollautonome Waffensysteme. Sie können in jedem der vier Autonomiegrade operieren. Entscheidend ist die Frage: Wer entscheidet über die Letalanwendung?
Die praktische Tendenz geht zu Human-on-the-loop oder Human-in-command (Ein Kommandeur gibt das Schwarmmandat, der Algorithmus entscheidet über Einzelengagements). Das ist strukturell die Situation, in der die Verantwortungslücke besonders scharf auftritt: Nicht nur eine autonome Entscheidung pro Einsatz, sondern Hunderte im Verbund.
Personalontologische Bewertung
Der Drohnenschwarm verstärkt die Probleme des Einzelsystems. Während bei der autonomen Einzeldrohne die Zurechnungsfrage noch auf einen konkreten Kill fokussiert werden kann, verschwimmt sie im Schwarm systematisch:
- Wer ist für eine einzelne Tötung verantwortlich, wenn der Schwarmalgorithmus sie koordiniert hat?
- Wer verantwortet Kollateralschäden, die aus dem emergenten Verhalten des Kollektivs entstehen?
- Ist der Kommandeur, der nur das Mandat („diesen Sektor sichern”) erteilt hat, für jede einzelne Engagement-Entscheidung verantwortlich?
Die Personalontologie zieht die Konsequenz: Schwärme mit Letalwirkung müssen strukturell so gebaut werden, dass personale Letztverantwortung auffindbar bleibt. Wo das architektonisch nicht möglich ist, ist der Einsatz unzulässig. Das ist die militärtechnische Konkretisierung der Forderung nach meaningful human control.
Nicht-militärische Schwärme
Schwärme sind nicht ausschließlich militärisch. Zivile Anwendungen reichen von der Licht-Show über landwirtschaftliche Sensorik bis zur Such- und Rettungsoperation. Diese Anwendungen sind personalontologisch unproblematisch, solange sie der Personwürde dienen und nicht instrumentalisieren. Überwachungsschwärme in der Polizeiarbeit hingegen (Gesichtserkennung, Bewegungsprofil) können rasch in Instrumentalisierung umkippen — hier greifen die Grenzen des EU AI Act (Art. 5) und der grundrechtlichen Verhältnismäßigkeit.
Ontologische Einordnung
Oberbegriffe: Seiendes (kollektives Verbund-System, nicht individueller Agent)
Besteht aus: Kampfdrohnen oder zivilen Drohnen
Typische Autonomiegrade: Human-in-command oder Human-on-the-loop auf Schwarmebene, oft vollautonom auf Einzelebene
Kapitelzuordnung: Kapitel 5: Personvergessenheit
Siehe auch
- Kampfdrohne
- Letales autonomes Waffensystem
- Kampfroboter
- Verantwortungslücke
- Autonomiegrad
- EU AI Act
- UN GGE LAWS
- Krieg
- Robert Sparrow
Quellenangaben: Sparrow, Robert (2007): „Killer Robots”. Journal of Applied Philosophy 24(1), S. 62–77.
Weitere Quellen:
- Scharre, Paul (2018): Army of None: Autonomous Weapons and the Future of War. W. W. Norton.
- United States Department of Defense (2023 ff.): Replicator Initiative — Press Releases and Congressional Testimony.
- United States Department of Defense (2026): Orchestrator Prize Challenge Announcement, Januar 2026.
- Kallenborn, Zachary / Bleek, Philipp C. (2018): „Swarming destruction: drone swarms and chemical, biological, radiological, and nuclear weapons”. Nonproliferation Review 25(5–6), S. 523–543.
- Horowitz, Michael C. (2019): „When Speed Kills: Lethal Autonomous Weapon Systems, Deterrence and Stability”. Journal of Strategic Studies 42(6), S. 764–788.
- Brose, Christian (2020): The Kill Chain: Defending America in the Future of High-Tech Warfare. Hachette Books.
- Bode, Ingvild / Watts, Tom (2023): Loitering Munitions and Unpredictability. Center for War Studies Research Report.