Die Frage, die nicht aufhört

In meiner Studienzeit begegneten mir Denker, die sich dieser Frage mit großer Ernsthaftigkeit gewidmet hatten. Einer von ihnen forderte, dass alles, was den Blick auf das Wesen des Menschen verdunkelt, aufgedeckt und beiseite geräumt werden müsse. Dass die Person in ihrem wahren Wesen und Wert wieder sichtbar werden müsse. Er nannte das die große Aufgabe unserer Zeit.1 Eine Rehabilitierung der Person — nicht weil die Person sich verändert hätte, sondern weil unser Blick auf sie getrübt ist.

Ein anderer stellte eine beunruhigende Verbindung her: Wer den anderen wirklich erkennen will — als den, der er ist —, der muss sich zuerst selbst erkennen. Wer das nicht tut, wer die Wahrheit, die er in sich selbst findet, leugnet, der kann auch den anderen nicht wirklich sehen. Selbsterkenntnis und das Erkennen des anderen hängen zusammen.2 Das hat weitreichende Folgen. Es bedeutet: Die Frage „Was ist der Mensch?“ ist nicht nur eine akademische Übung. Sie ist eine Frage an mich selbst.

Und dann gibt es diese Geschichte, die mich nie losgelassen hat: Ein Mann, der auf der Straße lag, von allen übersehen, von der Gesellschaft aufgegeben, wird aufgelesen und in ein Haus der Barmherzigkeit gebracht. Dort sagt er kurz vor seinem Tod: Ich habe wie ein Tier auf der Straße gelebt, aber ich werde wie ein Engel sterben, geliebt und umsorgt.3 In diesem Satz steckt die ganze Wahrheit über den Menschen: Sein Wert hängt nicht davon ab, wie er lebt, was er leistet oder wie andere ihn behandeln. Er ist da, unabhängig von allem Äußeren. Der Sterbende auf der Straße war nicht weniger Person als der Gesunde, der an ihm vorbeiging. Sein Jemand-Sein war genauso wirklich, genauso unverlierbar.

Diese drei Gedanken — das Vergessen der Person, die Pflicht zur Selbsterkenntnis, die unverlierbare Würde auch im größten Elend — haben mich nicht mehr losgelassen. Sie sind der Grund, warum ich eines Tages beschloss, ihnen gründlich nachzugehen. Nicht als Theoretiker, der ein interessantes Problem bearbeitet, sondern als jemand, der verstehen wollte, was der Mensch wirklich ist. Und was es bedeutet, wenn wir das vergessen.


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Fußnoten

  1. von Hildebrand, Das Wesen der Liebe (1994), in: Gesammelte Werke, Bd. III, Regensburg: Habbel, 1994, S. 197.

  2. Tadeusz Styczeń, „Der Person gebührt Liebe: Zum Epistemologischen Triftigen und Methodologischen Gültigen Ausgangspunkt der Ethik oder: Von der Erfahrung des sittlich Gesollten zum ethischen Grundprinzip” (1998), in: Menschenwürde – Metaphysik und Ethik, hrsg. von Mariano Crespo und G. E. M. Anscombe, übers. von Herbert Ulrich, Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, S. 166.

  3. Überliefert in: Mutter Teresa (1985).